KPÖ Wien West
Die KPÖ im Westen Wiens

Mogelpaket II

BildungDas zweite Schulpaket nach Abschaffung der Zweidrittel-Erfordernis ist am 7. Dezember 2005 einstimmig vom Nationalrat verabschiedet worden. Verordnet wird darin eine Art Unterrichtsgarantie, der Schulbeginn wird vorverlegt sowie einige Fördermaßnahmen werden eingeleitet. SPÖ und Grüne stimmten dem Paket trotz "gewisser Vorbehalte" zu.
Nur mit Koalitionsmehrheit wurde hingegen die Umwandlung der 50 Pädagogischen Akademien in zwölf Pädagogische Hochschulen (PH), darunter drei der katholischen Kirche, beschlossen.
In beiden Fällen handelt es sich um Mogelpakete.

Was beeinhaltet nun das von der Regierung so hochgepriesene, von der "Opposition" zumindest großteils akzeptierte "Schulpaket II", das angeblich einen weiteren Schritt zur "Neuen Schule" darstellen soll?

1.) Ein Vorziehen des Unterrichtsbeginns im September auf Montag (bisher in höheren Schulen Mittwoch), zwei Tage später muss bereits der Stundenplan stehen.

Viele SchülerInnen wechseln am Schulanfang (sei es nach Bestehen oder Nichtbestehen einer Wiederholungsprüfung oder aus anderen Gründen) die Schule, das heißt, dass zu diesem frühen Termin nicht einmal die endgültige SchülerInnenzahl bekannt ist, Unterrichtsmittel und Schulbücher deswegen noch nicht zur Verfügung stehen und von einem regulären Unterricht ab Montag sowieso nicht die Rede sein kann.
Die Anmeldefristen für Wahlpflichtfächer, Freifächer und Unverbindliche Übungen sowie die Möglichkeit der Abmeldung von anderen machen die Erstellung eines endgültigen Stundenplanes bis Mittwoch der ersten Schulwoche schlicht unmöglich.
Heiße Luft also - abgesehen davon, dass selbst 10 zusätzliche Unterrichtseinheiten pro Jahr Gehrers massive Stundenkürzungen nicht wett machen könnten.

2.)Die Nachprüfungen können, sollte dies der Schulgemeinschaftsausschuss beschließen, bereits ab Donnerstag der letzten Ferienwoche stattfinden.
Die Schulgemeinschaftsausschüsse werden sich hüten, dies zu tun - massive Interessen der Eltern und des Fremdenverkehrs sprechen dagegen.

3.)Die Notenkonferenz am Ende des Schuljahrs findet künftig am Ende der vorletzten Schulwoche statt, bisher war dies auch schon eine Woche früher möglich.
So what? Beeinspruchungen von Noten werden auf diese Art beinahe unmöglich gemacht, da die Einspruchsfrist 14 Tage beträgt. Oder war dies im Sinn der ErfinderInnen?

4.)Auch das Blocken von Unterrichtsstunden wird möglich.
War es bisher mit Zustimmung des zuständigen Bezirksschulrates auch. Gähn.

5.)Unter dem Titel "Unterrichtsgarantie" sollen künftig höchstens 2,5 Prozent der Stunden ausfallen dürfen.
Wieder eine interessante "Neuerung" - wohl hauptsächlich zur Befriedigung der KRONE-Klientel beschlossen, in der Praxis ohne Neuanstellungen oder Erhöhung der Lehrverpflichtung aber nicht durchführbar.
Denn schon jetzt entfallen Stunden nicht aus Jux und Tollerei der LehrerInnen, sondern wegen Schulveranstaltungrn (abschaffen?), Fortbildung (unnötig?), Krankenständen (verbieten?)u. ä. Supplierungen sollen möglichst eingepart werden, Lehrerreserve gibt es nicht - wie also soll diese "Unterrichtsgarantie" eingehalten werden?
Den PflichtschullehrerInnen wurde ja außerdem mit dem LDG-neu ein Jahreszeitmodell aufs Auge gedrückt, das die Arbeitszeit angeblich transparent regelt. Woher also zusätzliche Vertretungsstunden nehmen?

6.)Kinder, die die Unterrichtssprache nicht beherrschen, können in der Volksschule bis zu elf Wochenstunden aus dem Regelunterricht herausgenommen und ein Jahr lang in Kleingruppen von acht bis zwölf Schülern gefördert werden.
Dies war zumindest in Wien nach dem BegleitlehrerInnensystem auch jetzt schon möglich, scheiterte aber in der Praxis an den fehlenden Personalressourcen. Inwieweit sich die Anstellung von zusätzlichen 300 StützlehrerInnen (Länderschlüssel??) hier positiv auswirkt, bleibt abzuwarten.

7.) Außerdem sollen Kinder und Jugendliche auch an den so genannten "Nahtstellen" (etwa beim Übergang von Volksschule in Hauptschule) eine Klasse überspringen können. Auch ein früherer Eintritt in die Volksschule wird möglich.
Dies ist die Verwirklichung eines alten ÖVP-Traums, übrigens wurzelnd in alter austrofaschistischer und NAPOLA - Tradition, pädagogisch ist diese Maßnahme aber äußerst umstritten. Denn welchen Sinn sollte es haben, selbst angeblich hochbegabte Kinder aus ihrem altersgemäßen Umfeld heraus zu reißen und ihnen ein ganzes Jahr ihrer sozialen Entwicklung zu stehlen? Es bedeutet den Rückwärtssalto zur Schule der kognitiven Inhalte - und eine weitere Sparmaßnahme.

8.)Die Direktoren (die Direktorinnen nicht? Anm. der Verfasserin) erhalten mehr Rechte bei der Lehrer(INNEN!!!!)auswahl, was bereits gestern im Rahmen der 2. Dienstrechtsnovelle 2005 beschlossen wurde. Ebenso wird es möglich, dass ein Direktor mehrere Kleinschulen leitet.
Auch diese Maßnahme ist mehr als umstritten, gibt es doch DirektorInnen die Möglichkeit, missliebige KollegInnen abzulehnen, was dem Nepotismus Tür und Tor öffnet.

9.)Die 50 Pädagogischen Akademien iwerden in zwölf Pädagogische Hochschulen (PH), darunter drei der katholischen Kirche umgewandelt.
Die PH bleiben Dienststellen des Bundes, damit unmittelbar dem Bildungsministerium unterstellt und erhalten nicht die gleiche Autonomie wie die Unis. Wie diese werden sie aber Studiengebühren in der Höhe von 363,36 Euro einheben, bisher war die PflichtschullehrerINNEN!-Ausbildung gratis. Künftig sollen die PflichtschullehrerINNEN!! mit dem Bakkalaureat (Bachelor) abschließen.

Damit bleibt Österreich unter den wenigen rückständigen europäischen Ländern, die ihre PflichtschullehrerInnen nicht universitär ausbilden. Die gegenseitige Anrechnung von Prüfungen (uni - PH) bleibt im Ermessensbereich, die PÄDAKS verfügen nicht über die personellen Ressourcen für eine gleichwertige Fachausbildung, das 2-Klassen LehrerInnensystem bleibt besoldungsmäßig und ideell erhalten - und es konnten über ein Hintertürchen endlich auch die "Pädagogischen Hochschulen" mit Studiengebühren belegt werden.

Das "Schulpaket II" erweist sich somit als eine Melange zwischen Augenauswischerei, Etikettenschwindel, weiteren Sparmaßnahmen und padagogischem Retrogedankengut - eine echte Mogelpackung also, rechtzeitig überreicht in der verlogensten Zeit des Jahres.
(erscheint auch auf der Homepage 2005)

Weiterführende Links