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Zuckerrohr im Getriebe

"Wir brauchen Zuckerrohr zum Sieden, um weißen Rum daraus zu kriegen" heißt es in einem Lied über Kuba.
In Brasilien ist das anders! Im Jahr 2005 hat Brasilien 380 Millionen Tonnen Zuckerrohr verarbeitet. 55% davon gingen in die Produktion von Alkohol. Nach der Destillierung enstanden so ca. 250 Millionen Liter Äthanol. Und dieser Alkohol wird getankt und nicht getrunken.



Aus Zuckerrohr wird Zucker gemacht, aber auch Äthanol, seitdem, 1975, nach der ersten Erdölkrise, die damalige Milirärregierung den Plan "PRO-ALCOOL" verabschiedet hatte. Zuerst wurde der neugewonnene Biosprit nur als Zusatz für den normalen Benzin eingesetzt, nach der Entwicklung von eigenen Motoren auch als alleiniger Treibstoff.

30 Jahre später gibt es insgesamt 320 Zuckerrohrraffinerien in Brasilien. 50 neue sollen in naher Zukunft gegründet werden. Und die Besitzer der inzwischen privatisierten Raffinerien reiben sich die Hände
Antonio de Padua Rodrigues techischer Leiter des Verbandes der Zuckerrohrwirtschaft (UNICA):"Im Vergleich zu Benzin ist Alkohol heute schon bei einem Preis von 35 Dollar pro Barrel wettbewerbsfähig. Bei dem momentanen Preis von 64 Dollar pro Barrel Erdöl ist Alkohol also umso vorteilhafter. Umweltfragen und steigende Erdölpreise erhöhen die Nachfrage auch von ausländischen Märkten! Schon morgen kann Brasilien eines der wichtigsten Anbieterländer werden."
Zwei Drittel des brasilianischen Äthanols werden von Unica-Unternehmen produziert.Gewinne werden aber nicht nur bei Verkauf von Äthanol und Zucker erwirtschaftet. Bei der Gewinnung von Zucker und Äthanol fallen Abfälle an, die sogenannte Bagasse(ähnlich der Weinmaische). Diese wird in vielen großen Raffinerien zur Gewinnung der für den Arbeitsablauf notwendigen Energie verwendet. Die übeschüssige Energie wird an den Staat verkauft. Bei einer der weltweit größten Zuckerrohrraffinerien in Santa Elisa reicht der Energieüberschuss für eine 400 000 Einwohner-Stadt.

Derzeit sind zirka 75% der in Brasilien erzeugten Autos (vorallem VW, Fiat, Ford und Renault) mit Äthanol-kompatiblen Motoren (das sogenannte FLEX-System. wahlweise Äthanol oder Benzin) ausgerüstet. Dadurch sank der Treibhauseffekt in wenigen Jahren um 13%, da auch der normale Benzin mit 25% Äthanol verdünnt wird. Damit wurde das Kyoto-Protokoll mehr als erfüllt.

Das ist die eine Seite des brasilianischen Traums von Unabhängikeit vom Rohöl und Umweltschutz.
Die andere Seite ist die der Arbeitsbedingungen auf den Plantagen.

Die ZuckerrohrschneiderInnen haben einen der härtesten Jobs. Bei Temperaturen von nicht selten 40 Grad schneiden sie bis zu zwölf Stunden (in der Hochsaison auch länger) das Zuckerrohr. Schwerste Verletzungen häufen sich durch die Akkordarbeit. Todesfälle durch Erschöpfung sind laut der "Brasilianischen Plattform für Wirtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte" (DHESC) keine Seltenheit mehr.
Candita Coata, eine DHESC-Aktivistin berichtete aus Ribeirao Preto im Bundesstaat Sao Paulo (die wichtigste Region Brasiliens für die Zucker und Äthanolproduktion):"Viele der PantagenarbeiterInnen sind unterernährt und werden in überfüllten Lagern oder in Hütten zusammengepfercht.Das Tagespensum hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Die ZuckerrohrschneiderInnen müssen jetzt bis zu 12 Tonnen fertig geschnittenes Rohr vorweisen. Um die Leistungen noch höher zu treiben, richtet sich der Lohn des/r einzelnen ArbeiterIn nach der jeweiligen Menge."
UNICA versichert zwar, daß die Betriebe des Verbandes den ArbeiterInnen die besten Bedingungen der brasilianischen Agrarwirtschaft bieten, daß zum Beispiel ein Mindestlohn von 200 Euro unabhängig der Erntemenge gezahlt werde und das jedem/r der/die am Tag mehr als sechs Tonnen schneide eine Sonderzulage bekomme,aber vereinzelte Mißstände können natürlich nicht ausgeschlossen werden.
Die Zuckerrohrindustrie beschäftigt 1,3 Millionen BrasilianerInnen. Die meisten davon können aber von solchen Mindestlöhnen und Zulagen nur träumen. Sie sind TagelöhnerInnen und WanderarbeiterInnen!

Heute wird Zuckerrohr nur auf 5 Millionen Hektar angebaut, weniger als die Getriedeanbaufläche in Deutschland. Bis ins Jahr 2010 soll die Zuckerrohrproduktion laut UNICA die 500 Millionen Tonnengrenze überschreiten. Durch die steigende Nachfrage an Äthanol wird diese Grenze sicher erreicht.
Eins bleibt aber offen! Wer wird dabei gewinnen? Wer wird dabei verlieren? Noch schaut es so aus, als wären es wieder die ArbeiterInnen, die ihre Arbeitskraft, ihre Gesundheit dafür hergeben, damit einige wenige die Gewinne einstreifen!

Thomas Schulz

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