Der 115. Geburtstag von Antonio Gramsci

Monday, 23. January 2006 @ 15:09

"Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit. Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung. Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft." (A. Gramsci; L'Ordine Nuovo, Titelseite 1. Mai 1919)

Gramsci ist in aller Munde: Nicht nur unter KommunistInnen sondern in weiten Teilen der neuen sozialen Bewegungen feiert Gramsci eine Renaissance. Vor 115 Jahren, am 22. (oder 23.) Jänner 1891 wurde Gramsci geboren.

Was macht Gramsci heute interessant?

1.) Gramsci versuchte zu analysieren warum die Oktoberrevolution nicht auch auf Italien und Westeuropa übergriff. Dabei entwickelte er den Begriff der "Zivilgesellschaft" und das was wir heute "Hegemonie" nennen. Die damit geschaffenen Werkzeuge sind auch heute noch nützlich um die Herrschaft der neoliberalen Ideologie zu erklären und wenn wir darüber nachdenken wie diese zu überwinden ist. Wenn wir uns manche der Debatten um CSR ("Corporate Social Responsibilty") und ähnliches anhören so ist allerdings zu befürchten, dass unsere GegnerInnen Gramsci noch besser kennen als manche auf unserer Seite. Ein interessant Buch in diesem Zusammenhang ist: Walpen: Die offenen Feine und ihre Gesellschaft - Eine hegemonietheoretische Studie zur Mont Pelerin Society, das eine fundierte Analyse der Geschichte der neoliberalen Ideologie auf Basis Gramscis Hegemoniebegriff liefert.

2.) In engem Zusammenhang mit dem Begriff der "Hegemonie" stehen auch Gramscis Gedanken zum Thema Bildung. Bildung ist nicht das Anhäufen von mehr oder weniger Zusammenhanglosen Faktenwissen sondern ein echtes "Verstehen". Gramsci versteht alle Menschen als Philosophen - wichtig ist ihm aber dass sich dessen bewusst werden was und wie sie denken. Hier besteht meines Erachtens der wichtigste Anknüpfungspunkt zu den neuen sozialen Bewegungen. Das Nachdenken über eine "andere Welt" wird dort aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft herausgenommen und in die Praxis unserer Kämpfe verlagert. Das Bild vom "organischen Intelektuellen" das Gramsci zeichnte wird hier verwirklicht. Dass Gramsci in den Gefängnissheften den Marxismus mit "Philosophie der Praxis" umschreiben musste liegt daran, dass er der Zensur entkommen musste, mit dem neuen Begriff ergibt sich aber auch ein neues Denken. Ein Denken, dass den Marxismus nicht zum dogmatischen Religionsersatz degradiert sondern ihn wieder als Werkzeug zum Verstehen und Verändern der realen Welt werden lässt.


KPÖ Wien West
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