KPÖ Wien West
Die KPÖ im Westen Wiens

DRM - Der Weg nach 1984

Vor einigen Tagen erschien der Artikel über DRM, und welche Auswirkungen es auf unsere Freiheit im Umgang mit von uns vollkommen legal erworbenen Inhalten hat. Ja, das ist alles andere als hübsch und sicher nicht im Sinne dessen, der Urheberrecht als Ausgleich zwischen Künstler und Kunstsinnigem im Auge hatte.

(Gastkommentar von Chlodwig)

Der Effekt von DRM reicht aber bei weitem über das hinaus. Und erklärt auch, warum unsere Regierenden so sehr daran interessiert sind, daß dieses Mittel der lückenlosen Inhaltskontrolle möglichst bald Realität wird.

Dazu eine kurze Erklärung wie es funktioniert. Ein DRM-geschütztes Dokument oder sonstiges Werk braucht einen "Schlüssel" um angezeigt zu werden. Ohne Schlüssel bleibt's finster. Dieser Schlüssel kann nun, wie bei HDDVD bzw. BluRay Playern, in das Gerät eingebaut werden, es kann aber auch verlangt werden, mit dem Hersteller des Gerätes, der Abspielsoftware oder des Inhaltes, eine Verbindung aufzubauen, damit dieser erstens dafür Geld erhalten kann und auch bestimmen kann, ob der Inhalt angezeigt werden soll oder nicht.

Und besonders der letzte Teil hat's in sich.

Nochmal, damit man den Wahnsinn als normal (also "ehrlich") denkender Mensch überhaupt begreifen kann: Der Hersteller kann bestimmen, daß JEDES MAL wenn der Inhalt angezeigt werden soll, eine Verbindung zum Internet (und zu ihm) notwendig ist, und so es ihm genehm ist, wird dieser Inhalt angezeigt.

Falls also mal einem Konzern ein "unbequemes" Dokument entkommt, weil ein Arbeiter dort noch genug Mensch ist um zu erkennen, daß sein Arbeitgeber ein Verbrecher ist und er, unter Riskierung seines (ohnehin unterbezahlten) Arbeitsplatz, das Dokument mitnimmt und es veröffentlichen will, kann er das heute machen. Man nennt es "whistleblowing", und viele Konzerne haben dadurch erkennen müssen, daß man nicht einfach Kinder in unterprivilegierten Ländern als billige Lohnsklaven oder, noch schlimmer, als willkommene Versuchskaninchen für Medikamente, die anschließend an uns für viel Geld verkauft werden sollen, mißbrauchen kann.

Mit DRM kann man. Man kann auch ganz ungeniert darüber Berichte schreiben und muß es nicht schönreden, wenn man irgendwo mal eben ein paar Kilo Uran "verliert" oder ein paar Tonnen Chemie billig im Trinkwasser "entsorgt", weil es kann eh niemand darüber berichten. Das Dokument ist nur mit Schlüssel einzusehen, den Schlüssel bekommst Du nur wenn Du konzerntreu bist. Ausdrucken? Vergiß es. Und solltest Du es WAGEN auch nur daran zu denken den Schlüssel zu knacken, bist DU im Unrecht. Nicht der Verbrecher, sondern Du, der ihm dieses Verbrechen nachweisen willst!

Gehen wir in die Politik. Machen wir eine Aussendung einer Partei, die wieder mal einen "HumpDump"-mäßigen Sager enthält. Per Email. Oder auf der Homepage. Kommt die Klage (viel zu selten, aber gelegentlich kann unsere Justiz dann doch nicht mehr wegsehen wenn wiederbetätigt wird daß Adi seine Freude hätte), verschwindet das Dokument. Inklusive aller Kopien. Was? Aber SOWAS hat doch niemand gesagt! Das war ganz anders!

Alles linkslinke Propaganda?

Es wird möglich, bereits verbreitete Information im Nachhinein zu vernichten. Es wird möglich, kriminelle Handlungen gegen die Öffentlichkeit im Dienste von Konzern und Regime problemlos zu decken. Beweise verschwinden auf nimmerwiedersehen. Selbst die, die der Kläger bereits in der Hand hält. Sie werden rückwirkend vernichtet.

Reicht noch nicht? Kein Problem, wird noch schöner.

Ebenso ist es nämlich möglich, Inhalte, die nicht "gefallen" zu unterdrücken. Ja, Du kannst schreiben was Du willst. Lesen kann es aber niemand, der ein "DRM-gesichertes" Gerät sein Eigen nennt. Dieser Inhalt darf dort nicht angezeigt werden. In letzter Konsequenz wird es so sein, daß NUR mehr Inhalte, die den Segen von Konzern und Regierung haben (also sozusagen das "Prüfsiegel der Zensur") eingesehen werden können.

Und damit kommen wir zur Religion: Dem Geld.

Der ganze Spaß ist nämlich (natürlich) nicht gratis. Die Konzerne, die diesen Mist verbrechen, lassen ihn sich natürlich auch gut zahlen. So gut, daß man als "normaler" Mensch ohnehin diese Kosten nicht aufbringen kann. Heute kann jeder, der Musik oder Software machen will, dies tun. Microsoft, einer der Hauptproponenten von DRM (und TCPA, was ziemlich genau "DRM für Computer" entspricht) hat bereits angekündigt, daß sie ihre DRM-Zertifikate sicher nicht an Hinz und Kunz, sondern nur an ausgewählte "Partner" vergeben werden.

Sprich, das Aus für kleine Softwareschaffende auf der Windows-Plattform.

Übrig bleiben die Konzerne, die sich die zugehörigen Lizenzen leisten können. Das betrifft Software und Musik, aber in letzter Konsequenz alles, was man allgemein als "Inhalt" bezeichnen kann. Dazu zählen genauso Foren, Blogs, sprich alles, was eine demokratische Meinungsäußerung im Internet darstellt.

Das Internet hat jedem der Zugang dazu hat die Freiheit gegeben, nicht nur Software, Musik und Information zu erschaffen, sondern diese auch noch zu verbreiten. Auch wenn er nicht einen multinationalen Konzern hinter sich hat und nicht über die sonst dazu notwendigen Geldmittel verfügt. Daß so etwas Anarchistisches und Unkontrollierbares den Machthabern ein Dorn im Auge ist, dürfte einleuchten.

Printmedien, die konnte man unter Kontrolle und regimetreu halten. Schon mit der als "Medienförderung" getarnten Bestechung. Aber wie will man das bei tausenden und abertausenden Leuten tun, die sich noch dazu ihre Ideale und Überzeugungen nicht abkaufen lassen?

Einfach: Man macht sie mundtot.

Freie Software, freie Musikschaffende, Blogs und Schreiber, die dies unentgeltlich tun, sowas paßt nicht in die schöne neue Konsumwelt. Jemand der etwas tut, ohne dafür Geld zu verlangen, das kann doch kein Guter sein!

Ich will nun nicht zum Boykott einzelner Geräte aufrufen. Alles, restlos alles, was HD im Namen hat, von HDDVD bis HDTV, müßte genannt werden, und die Aufzählung wäre wahrscheinlich nicht mal ansatzweise vollständig. So ziemlich jedes neue Gerät, das aktuell von diversen Konzernen auf den Markt geschmissen wird, die Betriebssysteme und Hardware der nächsten Generation, alles was irgendwie in der Lage ist Inhalte anzuzeigen enthält diesen Knebel.

So ich einen Aufruf machen darf, dann wäre es dieser: Tragt es in die Welt. Informiert Eure Freunde, Eure Bekannten, jeden den Ihr kennt. Erklärt ihnen, was die tatsächlichen "neuen Features" von Windows Vista sind. Zeigt ihnen, um welchen Preis sie die höhere Auflösung ihres Fernsehers kaufen.

Das bedeutet zwangsläufig Verzicht. Es gibt keine "freie" Alternative, keinen "offenen" Fernseher mit hoher Auflösung, kein Gerät, das ein DRM-gesichertes Medium abspielen kann ohne seinen Besitzer (von Eigentümer kann ich hier mit gutem Gewissen nicht mehr sprechen) auf Gedeih und Verderb der Industrie auszuliefern. Dagegen, ein Gerät anzubieten, das sich einen Dreck um DRM schert, existieren natürlich Gesetze.

Aber es geht um weit mehr als unsere Bequemlichkeit und unseren Genuß.

Es geht um die Meinungsfreiheit, um nichts weniger. Es geht nicht darum, ob man die nächste Scheibe von irgendeinem hochgejubelten Star, den man morgen schon vergessen hat, kopieren kann. Es geht nicht darum, ob man irgendein Spiel kaufen muß oder kopieren kann.

Es geht darum, ob wir morgen auch noch in elektronischen Medien sagen können was wir wollen, und vor allem, ob man uns hören wird. Und darum, ob es in Zukunft möglich sein soll, kriminellen Vereinigungen (also Konzernen und vielen Regierungen) ihre Verbrechen überhaupt nachzuweisen.

Von anklagen rede ich nicht. Dazu bin ich zu sehr Realist.

(Gastkommentar von Chlodwig)

Siehe auch: http://logo.kpoe.at/news/article.php?story=2006_anti_drm