Mahnwache am Aspangbahnhof

Friday, 10. November 2006 @ 17:58

Auch heuer gedachten AntifaschistInnen am "Platz der Deportierten" an der Stelle des ehemaligen Aspangbahnhofes der Opfer der NS-Dikatatur.

Das ist dieses Jahr, von dem man reden wird.

Das ist dieses Jahr, von dem man schweigen wird.

Bertolt Brecht

Der Aspangbahnhof war die erste Station für zehntausende JüdInnen auf dem Weg in die Konzentrationslager des Dritten Reiches. Die meisten von ihnen wurden von den NS-Schergen ermordet. WienerInnen haben nicht nur tatenlos zugesehen, sondern auch schamlos "arisiert", was zu bekommen war. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten auch in Wien die Synagogen, wurde Gewalt gegen jüdische MitbürgerInnen ausgeübt, Menschen verfolgt, verletzt und getötet. Heuer jähren sich die als "Reichskristallnacht" verharmlosten Pogrome zum 68. mal. Die Pogrome rund um den 9. November 1938 bildeten den Höhepunkt eines von antisemitischen Ausschreitungen geprägten Jahres. Bereits rund um den umjubelten "Anschluss" am 12. März 1938 fanden erste Übergriffe statt, die nachher durch "wilde" Arisierungen ergänzt wurden. Im Raubzug gegen ihre jüdischen NachbarInnen spielten Hitlers willigste VollstreckerInnen aus der "Ostmark" eine Vorreiterrolle. Dieser überschießende Hass und Fanatismus veranlasste sogar die zentralen Nazi-Stellen zu Maßnahmen, um die Drangsalierungen und Enteignungen der Jüdinnen und Juden in "ordentliche" Bahnen zu lenken. Nicht zufällig wurde danach Wien zum Exerzierfeld für immer weiter gehende Maßnahmen zur "Endlösung der Judenfrage". In diesem antisemitischen Klima konnten Eichmann und seine Männer ihr perfides System zur Ausraubung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung perfektionieren. In der "Ostmark" konnten sie auch auf ein riesiges Reservoir an fanatisierten und gleichzeitig ganz gewöhnlichen Männern und Frauen zurückgreifen: In einem überdurchschnittlichen Ausmaß stellten sie das Vernichtungspersonal in den Todesfabriken.

Die Nazi-Propaganda versuchte, den Pogrom als "spontane" Antwort der Bevölkerung auf die Ermordung eines deutschen Diplomaten darzustellen. Wenn der "Startschuss" zum November-Pogrom auch vom Propagandaminister gegeben wurde und es v. a. Nazi-Parteigänger in Zivil waren, die sich als Brandstifter, Plünderer, Folterer und Mörder betätigten: Ohne Beteiligung oder zumindest Duldung durch die aggressiv antisemitische Volksgemeinschaft in der "Ostmark" hätte der Pogrom keine derartige Dynamik entfalten können. Alle, die in den Wochen und Monaten davor von den NS-Behörden wegen den "wilden" Arisierungen und Übergriffen zur Ordnung gerufen wurden, durften nun endlich wieder ihrem Hass freien Lauf lassen. Dies geschah in der "Ostmark" in einem Ausmaß, dass die Nazi-Behörden Schwierigkeiten hatten, den rasenden Mob wieder zur Räson zu bringen.

Während die SA in Zivil gemeinsam mit Angehörigen der Hitlerjugend und anderen Parteiorganisationen jüdische Geschäfte und Wohnungen plünderte und zerstörte, ging die SS, ebenfalls in Zivilkleidung, gezielt gegen Funktionäre jüdischer Organisationen vor. Verhaftete Jüdinnen und Juden brachte man in Sammellager, wo sie sadistischen Qualen ausgesetzt waren, bevor sie deportiert wurden. Ein Gestapo-Agent aus Wien berichtete später, dass er und seine Kameraden Schwierigkeiten gehabt hätten, die Menschenmenge davon abzuhalten, noch mehr Jüdinnen und Juden tätlich anzugreifen. Auch seien die Nazi-Schergen immer wieder zu noch mehr an Sadismus und Brutalität angefeuert worden.

In Wien wurden insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser meist durch Brände zerstört. 27 Morde an Jüdinnen und Juden wurden von den Nazis bestätigt, 88 Menschen wurden schwer verletzt. 6.547 Jüdinnen und Juden wurden alleine in Wien verhaftet, rund 3700 von ihnen wurden ins KZ Dachau verschleppt. Tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. 4.083 jüdische Geschäfte wurden gesperrt. Allein im "Kreis Wien I" wurden 1.950 Wohnungen zwangsgeräumt. Zahlreiche Jüdinnen und Juden wurden in den Selbstmord getrieben. Eine Rückgabe der enteigneten Wohnungen und Geschäfte fand nach 1945 praktisch nicht statt.

Diese Nacht vom 9. zum 10. November 1938 war kein Randphänomen der Geschichte des Dritten Reiches, sondern ein Geschehen, dem zentrale Bedeutung zukommt. Die Ermordung eines Nazi-Diplomaten und der darauf folgende Pogrom boten den Machthabern einen willkommenen Anlass zur Durchführung und Legitimierung der völligen Ausschaltung der Jüdinnen und Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben. Am 12. November 1938 wurde in einer Sitzung im Reichsluftfahrtministerium unter dem Vorsitz Hermann Görings die Verordnung zur "Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" beschlossen, die es Jüdinnen und Juden verbot, ein selbstständiges Unternehmen bzw. Handwerk zu betreiben. In der gleichen Sitzung wurde die jüdische Bevölkerung verpflichtet, eine "Sühneleistung" von einer Milliarde Reichsmark zu zahlen und für alle während des Pogroms entstandenen Schäden aufzukommen.

Was danach kam, ist allgemein bekannt, wird jedoch auf Grund der Monstrosität des Verbrechens, der Beteiligung so vieler ganz normaler (Groß)Väter/-Mütter und des massenhaften Profitierens daran all zu oft verdrängt: Die entrechteten und ihrer materiellen Grundlagen beraubten Jüdinnen und Juden wurden der Vernichtung preisgegeben. Bis die Alliierten endlich das bis zuletzt auf Hochtouren laufende Morden in den Todesfabriken und außerhalb dieser stoppten, waren rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden Opfer der antisemitischen Raserei geworden.

Entgegen der überdurchschnittlichen Beteiligung von ÖsterreicherInnen an den Nazi-Verbrechen und der Tatsache, dass hierzulande die NSDAP einen Aufnahmestopp verhängen musste, weil nicht alle "Volksgenossen" auch "Parteigenossen" sein sollten, haben sich die Mehrheit der zumindest mitgelaufenen ÖsterreicherInnen und ihre politischen Eliten nach 1945 erfolgreich als die "allerersten Opfer" (Bundeskanzler Schüssel) gesehen und dargestellt. Das hatte auch materielle Gründe: Mit dem Verweis auf den eigenen Opferstatus konnten die Ansprüche der tatsächlichen Opfer und die Erinnerung an ihr Leiden abgewehrt werden. Und noch die erst Ende 2005 begonnenen Zahlungen an Überlebende und ihre Nachkommen werden von den Verantwortlichen als freiwilliger Akt des guten Willens gesehen und nicht als zumindest teilweise Erfüllung berechtigter Ansprüche. Dass daneben ein Kalkül hinter den späten und spärlichen Zahlungen an die NS-Opfer steckte, räumte BZÖ-Staatssekretär Eduard Mainoni in einem Interview offen ein. Er gestand, dass die international isolierte ÖVP-FPÖ-Regierung mit den Entschädigungszahlungen an ehemalige ZwangsarbeiterInnen bloß an Reputation im Ausland gewinnen wollte ("Da haben wir uns eingekauft."). Sein ehemaliger Parteifreund John Gudenus sprach schon im Mai 2000 von "Schutzgeld", das Österreich zahlen müsse. Weil mit Mainonis Geständnis die zentrale Legitimationsstrategie der rechtskonservativen Koalition in sich zusammenbrach, reagierten ÖVP-PolitikerInnen prompt. Der scheidende Nationalratspräsident Andreas Khol etwa wies solche Offenheit "entrüstet zurück": "Das war Ethik und nicht Kalkül." So oder so, begleitet war die Etablierung von Entschädigungs- und Nationalfond vom öffentlich geäußerten Wunsch der Verantwortlichen, damit endlich einen "Schlussstrich" unter die Vergangenheit ziehen zu können. Darin treffen sie sich mit fast 30% der ÖsterreicherInnen, die laut einer aktuellen Studie dafür plädieren, den "Holocaust zu vergessen". Neonazis machen sich dann an die Exekution dieser Stimmung und verwüsten regelmäßig Denkmäler für die Opfer der Shoah, wie etwa in Villach, und jüdische Friedhöfe. Und die Behörden schließen stets umgehend einen "politischen Hintergrund" aus. Jedes demokratische Land hat die Regierung und PolitikerInnen, die es verdient. Der Antisemitismus, wie er seit 1945 in mehr oder weniger verklausulierter Form aus den heimischen "Volksvertretern" hervorbricht - heißen sie nun Gudenus, Haider, Waldheim oder Kreisky - trifft sich mit dem der Bevölkerung: 68% der Befragten geben laut einer Gallup-Umfrage von 2001 an, sie hätten "negative Gefühle" gegenüber Jüdinnen und Juden. Das ist die österreichische Normalität.

Angesichts dieses noch immer unfassbaren Verbrechens, angesichts der Gefahr eines neuen Rassismus und anderer Probleme ist es allerdings auch unerklärlich, dass eine kleine Gruppe von Männern dieses Gedenken seit einigen Jahren zur Austragung ihrer politischen Flügelkämpfe zu instrumentalisieren versucht, wie es auch heuer wieder geschehen ist. Ein "Offenes Mikrophon" gibt es ebenfalls nicht mehr.

Vielleicht war auch deswegen die Beteiligung an der Mahnwache im Vergleich zu den vergangenen Jahren ausgesprochen gering. Auffallend war das Fehlen vieler GenossInnen, ZeitzeugInnen und Angehöriger von Opfern aus den Reihen der KPÖ. Einige Worte der grünen Abgeordneten Madeleine Petrovic ließen allerdings den ORF herbei eilen.

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