KPÖ Wien West
Die KPÖ im Westen Wiens

Amerika in Aufruhr!

Ricardo Alarcón de Quesada, seit 1993 Präsident der Nationalversammlung des Poder Popular Kubas, gab im Rahmen des 2. internationalen Seminar "Die Menschheitgegen den Imperalismus: Ideen für das 21. Jahrhundert", das im spanischen Ovieda stattfand, der Zeitung "La nueva Espana" ein Interview,welches nun auszugsweise wiedergegeben wird:



Sie sind zum ersten Mal in Oviedo. Was hat sie hergeführt?

Versammlungen dieser Art sind wichtig. Erstens wegen des menschlichen Kontaktes, den weder das Internet noch die Mobiltelefone ersetzen. Aber zweitens ist der Ideenausstausch sehr wichtig, die Debatte, in der versucht wird, gemeinsame Wege festzulegen. Ich denke, es ist ein Fehler zu glauben, daß die Theorie keine Auswirkung auf die Praxis habe. Die Welt verändert sich und zu einem großen Teil trägt die Theorie zu dieser Veränderung bei. Dafür gibt es viele Beispiele.

Wie das kubanische System, das viele Änderungen überlebt hat, nicht wahr?

Das stimmt, die kubanische Revolution stammt aus dem Zeitraum des "Kalten Krieges". Sie hat die Zeit der friedlichen Koexistenz durchlebt, kam in die Zeit des Scheiterns des sogenannten "Realen Sozialismus". Jetzt leben wir schon mehr als fünfzehn Jahre in einer unipolaren Welt und wohnen jetzt auch dem Sturz dieser Welt bei. Als ich Student war, schien es so, als ob die Geschichte in größeren Zeitabschnitten abliefe, es gab hundertjährige Kriege, und jetzt sind die Zeitabschnitte kürzer, und wir werden noch viel mehr Änderungen erleben.

Aber Kuba steht weiter im internationalen Blickpunkt

Die gesellschaftlichen Kommunikationsmittel hängen im großen Maße von den Informationsagenturen ab, und in dieser Hinsicht gab es ziemlich viele Manipulationen über Kuba. Es gibt viele Wolken zwischen dem Individuum und der Realität. Dafür hat Noam Chomsky einen guten Ausdruck, der die Gesellschaft der USA definiert.
"Es ist eine historische Reihe von Lügenhäusern, eins auf dem anderen gebaut"
Stell dir das arme menschliche Wesen unter diesem Wolkenkratzer von Lügen vor. Und darunter sind auch die Journalisten. Wie soll man sich mit der realen Welt auseinandersetzen, wen es so schwierig ist, an sie heranzukommen? Die Leute wissen das intuitiv und nehmen den Medien glaubwürdigkeit. Aber jetzzt gibt es wirkliche Alternativen.

Welche?

Vor 20 Jahren mußte man auf einen Brief aus Indonesien warten, bis ein Schiff aus Asien kam. Eine in einer Zeitung gelese Nachricht zu vertiefen, ist jetzt eine Minutensache. Man ruft in Djarkata an und die Angelegenheit ist erledigt. So war das auch bei den Anschlägen vom 11. März, die Leute wurden über Mobiltelefone mobilisiert.

Man kann das politisch ausnutzen?

Das kann sein, aber mehr als die politische Nutzung der Technologie interessiert mich die Möglichkeit der Echtzeit - Kommunikation.

Die andere Sache heutzutage ist das fehlende Engagement.

An einigen Orten sind die Leute gestrandet, sind vom Konsumterror und dem persönlichem materiellen Gewinn besessen. Aber in Lateinamerika ist die Gesellschaft sehr bewegt, man braucht nur an Ecuador, Bolivien, Uruguay, Brasilien,... zu denken, dort sieht man einen Aufbruch. Man kann nicht vom Planeten als ein einheitliches Ganzes sprechen und die Welt von Europa aus betrachten. Wirklich, Europa soll sich auf eine zweite Entdeckung Amerikas vorbereiten, eine Wiederentdeckung.

Steht Hugo Chávez an der Spitze dieses Lateinamerikas?

Chávez und die bolivarianische Revolution sind heute ein Schlüssel des Prozesses, aber ich glaube nicht , daß er damit einverstanden wäre, als "der Kopf" bezeichnet zu werden. Man darf die erste indigene Regierung, die von Evo Morales, nicht vergessen. Er war vor zwei Jahren in Oviedo, hat man mir gesagt, und kaum jemand hat sich damals vorgestellt, daß er Präsident seines Landes werden würde.

Gibt es eine Form, alle nationalen Interessen im Weltmaßstab in Übereinstimmung zu bringen?

George Bush glaubte, daß er sie in Übereinstimmung bringen könnte. Sieh, wie sich die Welt in zehn Jahren geändert hat. Nixon wurde gezwungen zurückzutreten, weil er gelogen hatte, Bill Clinton wurde politisch abgeurteilt, weil er bezüglich seiner Beziehung zu Monica Lewinsky gelogen hatte, und von George Bush wissen wir, daß er absichtlich gelogen hatte, als er sagte, daß Massenvernichtungswaffen vorhanden wären, aber nichts passiert!

Was ihn beunruhigt, ist der islamische Terrorismus.

Es gefällt mir nicht, dem Terrorismus bestimmte Namen voranzustellen. Was wäre, wenn wir die Antikubaner christliche Terroristen nennen würden, weil sie katholisch sind? Das wäre eine Beleidigung für die Christen. Der Terrorismus ist eine Abnormität, die beseitigt werden muß, aber durch eine kluge Haltung, nicht durch Heuchelei!

Welches ist ihre Stellung zur nuklearen Aufrüstung Koreas?

Die Situation beunruhigt uns. Die einzige Form, um die Vermehrung, also die Ausbreitung der nuklearen Waffen zu beenden, ist eine allgemeine nukleare Abrüstung.

(Interview: Irene Alonso)

Ricardo Alarcón de Quesada (geb.:21. Mai 1937 in Havanna/Kuba) ist Doktor der Philosophie und Mitbegründer der gegenwärtigen Kommunistischen Partei Kubas. Vor der kubanischen Revolution von 1959 gehörte Ricardo Alarcón bereits der Bewegung des 26. Juli in Havanna an, die den Sturz des Diktators Fulgencio Batista betrieb, und organisierte die Jugendbrigaden der Guerilla. 1961-62 war Alarcón Vorsitzender des Studentenverbandes FEU. Seit 1980 ist er Mitglied des Zentralkommitees der Kommunistischen Partei Kubas. Sein Hauptschwerpunkt liegt in der kubanischen Außenpolitik. So war er Ständiger Vertreter Kubas bei den Vereinten Nationen (1966-1978) sowie Außenminister Kubas (1992-1999).

(Quelle: GRANMA INTERNATIONAL)