KPÖ Wien West
Die KPÖ im Westen Wiens

Immaterielle Arbeit

Theorie/Kultur/BücherWas heisst eigentlich "immateriell"?

Ein Begriff der wichtig ist weil er immer wieder auch in Zusammenhang mit "immaterieller Arbeit" auftaucht und so eine wichtige Rolle bei der Analyse der Wissens- und Informationsgesellschaft spielt. Auch Marx verwendet den Begriff "immateriell", aber in einem anderen Zusammenhang: ".. ist etwas Immaterielles, Gleichgültiges gegen sein stoffichles Bestehen" heisst es in den Grundrissen (MEW42, S.230). Marx verwendet diese Definition dort für das Kapital aber sie passt heute auch sehr gut auf Wissens- und Informationsgüter. Eine Software ist die selbe ob sie nun auf einer CD, auf einer Festplatte eines Servers oder auf einem USB-Stick existiert. Letztlich ist das immaterielle aber auch immer materiell. Welche stoffliche Existenz die Software auch immer haben mag, und sei es nur als Photonen in einem Glasfaserkabel oder als elektromagnetische Wellen im Raum immer gibt es einen Träger der mit unserer physischen Welt und ihrer physikalischen Gesetze verbunden ist. Immateriell besagt blos, dass etwas "gleichgültig" gegen die Art ihrer stofflich-physikalischen Existenz ist.

Was ist nun "immaterielle Arbeit"? Arbeit, im marxistischen Sinne, ist immer höchst materiell und an ein schwitzendes, atmendes, verdauendes menschliches Wesen gebunden. Sinn macht der Begriff der immateriellen Arbeit also in erster Linie, wenn damit die Produktion immaterieller (im obigen Sinne) Güter gemeint ist.

Die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) erlauben beinahe kostenlose bliebigie Vervielfältigung und Distribution von Informationsgütern. Dies bringt verschiedenste ökonomische Besonderheiten mit sich. Der Kapitalismus muss diese Güter die nun in Überfülle vorhanden sind künstlich, mit gesetzlichen (Copyright, Patente, Markenschutz, ...) und neuerdings technischen Massnahmen (Kopierschutz) rar machen um sie im Kapitalismus als Ware handeln zu können. (Siehe: [stroy:/2006gegen_sogenanntes_geistiges_eigentum])

Natürlich rar ist der Akt der Dienstleistung: Der Liveauftritt der Rockband, das Unterrichten der LehrerInnen in der Schule, die Beratungstätigkeit der PsychologIn und die KundInnenkontakte des Verkäufers. Nicht alles davon lässt sich (bereits) in ein digitales Produkt umwalndeln. Dennoch verwenden viele AutorInnen auch hier den Begriff der "immateriellen Arbeit", denn es werden keine stofflichen Produkte erzeugt auf die man/frau einfach ein Preisschild kleben könnte. Dennoch ist z.B. die von den VerkäuferInnen geleistete "affektive Arbeit" und ihr gesammeltes Know-How über KundInnenvorlieben und Wünsche für die KapitalistInnen wichtig.

Ein Aspekt der diese Arbeit gegenüber "materieller Arbeit" besonders macht ist, dass sie nicht leicht messbar ist. Wie sehr jemand/jefrau ihr gesamtes Sein, ihre Gefühle, Ideen, Motivation, etc.. einbringt lässt sich nur schwer messen und zählen. Einerseits versucht der neoliberale Kapitalismus unser ganzes Menschsein zu verwerten andererseits fehlen im dazu die Kontrollmöglichkeiten. Auch wenn diese ständig perfektioniert werden wird wohl nie nachzuweisen sein ob man/frau sich so rechcht und schlecht im Job durchschwindelt oder ob man/frau wirklich sein/ihr Herzblut in eine Arbeit einbringt. Es lässt sich nicht so einfach zählen wie die Anzahl der Stücke die über das Fließband laufen. Der Kapitalismus hat hier also schlechte Karten. Wie an Beispielen wie Freien Software oder Wikipedia zu sehen ist: Dort wo Menschen aus eigenem Antrieb heraus handeln sind die Ergebnisse meist besser als dort wo für Geld gearbeitet wird. Siehe: André Gorz: Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie.. Siehe auch: André Gorz: Welches Wissen ? Welche Gesellschaft ?. "Immaterielle Arbeit" ist es damit auch die wichtige Bereiche unserer Gesellschaft "reproduziert": Unser Wissen, unsere Kultur. Verwendet wird der Begriff vor allem auch bei Hardt und Negri:

The mode of production of the multitude reappropriates wealth from capital and also constructs a new wealth, articulated with the powers of science and social knowledge through cooperation. Cooperation annuls the title of property. In modernity, private property was often legitimated by labor, but this equation, if it ever really made sense, today tends to be completely destroyed. Private property of the means of production today, in the era of the hegemony of cooperative and immaterial labor, is only a putrid and tyrannical obsolescence. (Michael Hard, Antonio Negri: Empire p.410)
"Immaterielle Arbeit" hat also ganz spezielle Eigenschaften, von denen die hier die 2 wichtigsten aufgezeigt wurden, die eine gesonderte Betrachtung sinnvoll machen und somit auch die Existenz dieses Begriffes rechtfertigen. Hebeln diese Eigenschaften die marxistische Werttheorie gänzlich aus? Nein, aber ich würde sagen sie treiben sie an den Rand ihrer Gültigkeit. Auch Marx hat in den Grundrissen schon darüber nachgedacht wie sich die Welt mit dem Fortschritt der Produktivkräfte entwickelen wird:

Der Austausch von lebendiger Arbeit gegen vergegenständlichte, d.h. das Setzen der gesellschaftlichen Arbeit in der Form des Gegensatzes von Kapital und Lohnarbeit ist die letzte Entwicklung des Wertverhältnisses und der auf dem Wert beruhenden Produktion. Ihre Voraussetzung ist und bleibt die Masse unmittelbarer Arbeitszeit, das Quantum angewandter Arbeit als der entscheidende Faktor der Produktion des Reichtums. In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder deren powerful effectiveness selbst wieder in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion. (Die Entwicklung dieser Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft und mit ihr aller andren, steht selbst wieder im Verhältnis zur Entwicklung der materiellen Produktion.) Die Agrikultur z.B. wird bloße Anwendung der Wissenschaft des materiellen Stoffwechsels, wie er am vorteilhaftesten zu regulieren für den ganzen Gesellschaftskörper. Der wirkliche Reichtum manifestiert sich vielmehr und dies enthüllt die große Industrie im ungeheuren Mißverhältnis zwischen der angewandten Arbeitszeit und ihrem Produkt wie ebenso im qualitativen Mißverhältnis zwischen der auf eine reine Abstraktion reduzierten Arbeit und der Gewalt des Produktionsprozesses, den sie bewacht. Die Arbeit erscheint nicht mehr so sehr als in den Produktionsprozeß eingeschlossen, als sich der Mensch vielmehr als Wächter und Regulator zum Produktionsprozeß selbst verhält. (Was von der Maschinerie gilt ebenso von der Kombination der menschlichen Tätigkeit und der Entwicklung des menschlichen Verkehrs.) Es ist nicht mehr der Arbeiter, der modifizierten Naturgegenstand als Mittelglied zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern den Naturprozeß, den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein. In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint. Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die. große Industrie selbst geschaffne. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert (das Maß) des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozeß erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individualitäten und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit, um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht." -- MEW42 S.600
Was Marx allerdings an dieser Stelle kaum mitbedacht hat: Die Widerstände seitens des Kapitals dagegen:

Für uns sind mittlerweile die Entwicklungs- und Aneignungsmöglichkeiten von "Wissen" viel komplexere politische Fragen geworden als sie es für Marx waren. Für uns ist die Annahme geradezu naiv, dass das Kapital die Entwicklung von "Wissen" als wichtigste Produktivkraft zulassen könnte, ohne selbst für die Aneignung von und die Herrschaft über "Wissen" zu sorgen. Das Wesen von Wissen, seine Inhalte, seine Verbreitung, seine Beziehung zur unmittelbaren Arbeit sind zentrale Konfliktstoffe geworden, in denen die Orientierung der gesellschaftlichen Entwicklung auf dem Spiel steht. -- André Gorz: Welches Wissen? Welche Gesellschaft?
Dem ist eigentlich nichts Hinzuzufügen.

Meint Euer
Franz Schäfer

Immaterielle Arbeit
Kommentar(e) (0)
Die folgenden Kommentare geben Meinungen von Lesern wieder und entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der Betreiber dieser Site. Die Betreiber behalten sich die Löschung von Kommentaren vor.