KPÖ Wien West
Die KPÖ im Westen Wiens

Mikrokredite zwischen Kapitalismus und Empowerment

Sind Mikrokredite ein "zynisches Konzept des Neoliberalismus", wie es ein SLP Artikel behauptet oder eine emanzipatorische Form der Armutsbekämpfung? Weder noch und sowohl als auch könnte man/frau sagen:

Wo Mikrokredite helfen Hunger, Elend und Armut zu lindern, ist das natürlich sehr zu begrüßen. Die Frage ist allerdings, ob Mirokredite für diese Aufgabe tatsächlich gut geeignet sind und ob nicht andere Maßnahmen hier besser wären. Aus kommunistischer Sicht müssen wir uns natürlich auch fragen, wie sehr dieses System nur dazu beiträgt, die kapitalistische Logik auf weitere Bereiche der Gesellschaft auszudehnen.

Für MarxistInnen ist Geld erst dann "Kapital" ,wenn diesem die (Lohn)arbeit gegenübersteht. Also auf der einen Seite Geld ist, das Produktionsmittel (Maschinen, Rohstoffe, ..) kaufen kann und auf der anderen Seite Menschen stehen, die nichts anderes zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft und diese niemandem anderen verkaufen können als dem Kapitalisten.

Mikrokredite werden an kleinere Gruppen von Menschen vergeben, die einen Plan für ein Projekt vorzeigen, mit dem sie glaubhaft machen können, den Kredit auch wieder zurückzahlen zu können.

Mikrokredite wirken dem Kapitalverhältnis daher entgegen: Sie ermöglichen den Menschen in einem gewissen Rahmen selbstbestimmt zu arbeiten. Allerdings: auf eigene Rechnung zu arbeiten heißt noch lange nicht dem Kapitalverhältnis entronnen zu sein: Wer das Kapital Band I gelesen hat: Marx zeigt, dass der Stücklohn um nichts besser ist als der Zeitlohn:

Der Stücklohn ist nichts als verwandelte Form des Zeitlohns, wie der Zeitlohn die verwandelte Form des Wertes oder Preises der Arbeitskraft.

Beim Stücklohn sieht es auf den ersten Blick aus, als ob der vom Arbeiter verkaufte Gebrauchswert nicht die Funktion seiner Arbeitskraft sei, lebendige Arbeit, sondern bereits im Produkt vergegenständlichte Arbeit, und als ob der Preis dieser Arbeit nicht wie beim Zeitlohn durch die Bruchzahl Tageswert der Arbeitskraft/Arbeitstag von gegebner Stundenzahl, sondern durch die Leistungsfähigkeit des Produzenten bestimmt werde.

Zunächst müßte die Zuversicht, die an diesen Schein glaubt, bereits stark erschüttert werden durch die Tatsache, daß beide Formen des Arbeitslohns zur selben Zeit in denselben Geschäftszweigen nebeneinander bestehn. Z.B.

"Die Setzer von London arbeiten in der Regel nach Stücklohn, während Zeitlohn bei ihnen die Ausnahme bildet. Umgekehrt bei den Setzern in den Provinzen, wo der Zeitlohn die Regel und der Stücklohn die Ausnahme. Die Schiffszimmerleute im Hafen von London werden nach Stücklohn bezahlt, in allen andren englischen Häfen nach Zeitlohn."

In denselben Londoner Sattlerwerkstätten wird oft für dieselbe Arbeit den Franzosen Stücklohn und den Engländern Zeitlohn gezahlt. In den eigentlichen Fabriken, wo Stücklohn allgemein vorherrscht, entziehn sich einzelne Arbeitsfunktionen aus technischen Gründen dieser Messung und werden daher nach Zeitlohn gezahlt.An und für sich ist es jedoch klar, daß die Formverschiedenheit in der Auszahlung des Arbeitslohns an seinem Wesen nichts ändert, obgleich die eine Form der Entwicklung der kapitalistischen Produktion günstiger sein mag als die andre. -- MEW23 S.574

Wenn also z.B.: die Mikrokredite dazu benutzt werden um z.B.: Agrarproduktion für den Export zu betreiben, dort aber extrem niedrige Preise bezahlt werden, so führt dies nur zur Selbstausbeutung der MikrokreditnehmerInnen. Durch den Entsprechenden Gruppendruck unter den MikrokreditnehmerInnen möglicherweise auch zu noch unangenehmeren Ausbeutungsformen. Andererseits: Für Menschen die in Gebieten wohnen wo es sonst gar keine Möglichkeit gibt zu überleben ist es besser ausgeubtet zu überleben als ehrenhaft zu verhungern. Es ist hier von manchen westlichen KritikerInnen der Mikrokredite zynisch ausgerechnet von den Ärmsten der Armen Widerstand gegen den Kapitalismus zu verlangen. Wenn, dann muß dieser Widerstand zuerst in den reichen Ländern eingefordert werden. Dort wo also noch vorkapitalistische Verhältnisse herrschen können Mikrokredite auch dazu beitragen diese zuerst Herzustellen und damit auch erst die Voraussetzung für ihre Überwindung zu schaffen.

Solange der Lebensstandard in den Entwicklungsländern weit unter dem in den Industrieländern liegt ist klar, dass die Menschen dort zu einem sehr hohen Grade ausgebeutet werden.

Ein wichtiger Faktor, wenn es um die Beurteilung von Mikrokrediten geht ist der Zinssatz. Damit KapitalistInnen neben der Warenproduktion nicht auch noch von den Zinsen profitieren können wäre ein zinsloses Darlehen wünschenswert. Bestenfalls sollten die Zinsen den durschnittlichen Ausfall durch uneinbringliche Forderungen plus maximal die Inflationsrate decken, damit das verfügbare Kapital den Projekten nachhaltig zur Verfügung steht.

Angesichts der globalen Ungleichverteilung (2% der Menschheit besitzen mehr als die Hälfte des globalen Reichtums, während die Hälfte der Menschheit sich insgesamt 1% des Reichtums teilen muss - Siehe: UN Studie zeigt globale Ungleichverteilung) muss man sich natürlich fragen: Wenn schon Kredite in der Höhe von wenigen hundert Euro die Existenz von Menschen sichern können, was wäre dann erst mit einer globalen Umverteilung des Reichtums möglich? Es bedürfte also nicht erst der Mikrokredite, sondern Hunger und Elend könnten sofort abgeschafft werden, wäre nur der politische Wille dazu vorhanden.

Wesentliches Kriterium für die Beurteilung der Mikrokredite ist natürlich auch der Vergabemodus. Dieser sollte demokratisch kontrolliert werden und die soziale und ökologische Sinnhaftigkeit der Projekte beurteilen. Wir haben hier also ein "planwirtschaftliches" Element. Wenn Mikrokredite genutzt werden, um genossenschafltiches Eigentum zu schaffen, so können diese durchaus auch einen Beitrag zur Überwindung des Kapitalismus leisten. Wenn sie nur dazu dienen, die Produktion in Billiglohnländer auszulagern und die Menschen auf Stückkostenbasis ihre eigenes Elend verwalten zu lassen, so sind sie nur eine zynische Spielart des neoliberalen Kapitalismus. Es scheint mir jedenfalls wichtig, sich beider Möglichkeiten bewusst zu sein.

Meint euer
Franz Schäfer.