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Internationale Buchmesse in Havanna

Die Zusammenarbeit zwischen Kuba und Venezuela wird im Ausland nur teilweise wahrgenommen.
Venezuela liefert seit Jahren täglich rund 90000 Barrel Erdöl an den sozialistischen Inselstaat. Kuba revanchiert sich mit Dienstleistungen.
Über 20000 Ärzte und Sozialarbeiter hat Havanna in den vergangenen Jahren nach Venezuela entsandt, um die Sozialprogramme der Regierung von Hugo Chávez zu unterstützen.
Tatsächlich ist der Austausch nur ein Element der Kooperation, die nun auch auf der kulturellen Ebene erweitert wurde. Caracas und Havanna bauen ein gemeinsames Verlagswesen auf. Das Projekt wurde auf der Internationalen Buchmesse in Havanna präsentiert, die am Sonntag ihre Pforten schloß.



Farruco Sesto und Abel Prieto, die Kultusminister beider Staaten, stellten nun das erste große Projekt, den Kulturfonds der "Bolivarischen Alternative für Amerika" (ALBA), vor. Gut zwei Jahre, nachdem dieses Bündnis in Havanna von den Staatschefs Chávez und Fidel Castro als Alternative zur neoliberalen Freihandelspolitik der USA geschlossen worden war, legten die Minister eine erste Buchedition vor.
Neun Titel mit einer Gesamtauf­lage von 30000 Exemplaren werden zunächst in Kuba und Venezuela, später auch in Bolivien vertrieben. Das staatlich finanzierte Projekt soll den Grundstein für eine weiterreichende Kooperation legen.

"Unser Problem ist, daß die Vertriebswege für Bücher in der Hand transnationaler Konzerne liegen", sagte der Kubaner Prieto. Bei dem staatlich finanzierten Fonds gehe es hingegen darum, "antihegemoniales Denken zu verbreiten".
Der lateinamerikanische Nachrichtensender Telesur sei ein weiteres Beispiel für diese Politik. Die Grundidee spiegelt sich auch in den verlegten Titeln wider. Die antikoloniale Programmschrift "Todo Caliban" des Kubaners Roberto Retamar gehört ebenso dazu wie ein Buch von Mark Twain und des Franzosen Ignacio Ramonet.
Solche Ideen zu verbreiten sei wichtig, um die politischen Emanzipationsprozesse in Lateinamerika zu festigen, erklärte Venezuelas Kulturminister Sesto: "Jetzt, wo die neoliberale Ära in Lateinamerika beendet ist, müssen wir die Linke politisch und kulturell vernetzen".
In den kommenden Monaten soll ein gemeinsames Unternehmen gegründet werden, um den bilateralen Kulturfonds zu koordinieren.

Bei den internationalen und meist lateinamerikanischen Gästen der Buchmesse stieß das Projekt erwartungsgemäß auf positive Resonanz. Der kubanische Historiker Luis Suárez Salazar sah den Fonds in Hinblick auf den antikolonialen Befreiungskampf in Lateinamerika als "Teil einer 200jährigen Geschichte des Widerstandes".
Und auch eine Verlagsvertreterin aus Brasilien lobte das Vorhaben. In ihrem Land werde der Buchmarkt von fünf Verlagen kontrolliert. "Wichtige Werke der antikolonialen und linken Bewegung werden von ihnen schlichtweg nicht mehr aufgelegt und verschwinden so aus dem Bewußtsein", beklagte die Brasilianerin.

Zwei Jahre nach Gründung der ­ALBA als institutionelle Alternative zum kapitalistischen Markt geben Kuba und Venezuela mit dem Kulturfonds neue Impulse für eine souveräne, lateinamerikanische Politik.
Unabhängig von den die "Kulturindustrie" dominierenden transnationalen Netzwerken fördern sie aus eigener Kraft eine Gegenkultur, die, wie sich an der internationalen Präsenz auf der Buchmesse in Havanna zeigte, auf dem Kontinent so stark verankert wie außerhalb Lateinamerikas isoliert ist.
Wie bislang auf wirtschaftlicher Ebene soll die von den USA forcierte Isolierung Kubas nun auch auf kultureller Ebene durchbrochen werden. Angesichts dieser Perspektive meinte Havannas Kultusminister Prieto ironisch, kubanische Bücher seien unter der US-Blockade eben wie die Revolution gewesen: "Standhaft und nicht verkäuflich".

(Artikel aus: junge Welt)

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