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Schulreform: Zurück an den Start!

"Wir wollen die Schule weiterentwickeln", schon dieser erste Satz in der "Punktation zur Schulreform" der ÖVP, stimmt InsiderInnen der österreichischen „Schulszene“ angesichts der Erfahrungen der letzten 87 (sic!) Jahre bedenklich. Ernst gemeint war er natürlich wieder nicht, denn am Wochenende verkündete Wissenschaftsminister Johannes Hahn über die Medien, dass er das letzte, die Modellversuche für die "Neue Mittelschule" rettende Gespräch am Sonntag nicht wahrzunehmen gedenke – da ein Erfolg nicht zu erwarten sei. Die Bundes-ÖVP hat mit ihrer Gesprächsverweigerung am 28.10.2007 somit erneut dokumentiert, dass sie sozial-, bildungs- und auch wirtschaftspolitisch notwendige Schulreformen mit allen Mitteln verhindern will.

Hingegen wird eine Forderung erhoben, die im Widerspruch zur Praxis der europäischen Schulentwicklung, sogar im Widerspruch zu den Perspektiven der Industriellenvereinigung und der Sozialpartner und erst recht im Widerspruch zu den Reformplänen von Bildungsministerin Schmied steht: Die ÖVP fordert "die Stärkung der Hauptschule als berufsbildende und lehrberufsausbildende Mittelstufe ..." Während die meisten europäischen Länder danach trachten, allen ihren SchülerInnen bis zum Ende der Schulpflicht einen möglichst hohen gemeinsamen Sockel von "polyvalenter" Allgemeinbildung zu verschaffen, auf dem weiterführende allgemeinbildende oder berufsbildende Bildungswege aufbauen, soll es in Österreich "Lehrberufsausbildung" ab dem 10. Lebensjahr geben und die Unterschiede zwischen Hauptschule und AHS- Unterstufe sollen vergrößert werden.

Selbstverständlich hat die ÖVP die Blockade von Schmieds zentralem Schulreformvorhaben absichtlich geplant. Die ÖVP will die "Neue Mittelschule nicht, jetzt nicht, in Zukunft nicht -und sie will sie nicht einmal „versuchen“. Außerdem will sie weder auf Erfahrungen aus dem EU – Raum hören, noch auf erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen. Schon gar nicht will sie Voraussetzungen schaffen, die eine Strukturänderung nach sich ziehen könnten. Das in der k.u.k. Monarchie begründete ständische Schulsystem mit dem Nebeneinander von Bürgerschule/Hauptschule und Gymnasium/AHS-Unterstufe soll nach ÖVP-Vorstellungen auch die österreichische Schule des 21. Jahrhunderts sein.

Daher ist der Satz "Wir wollen die Schule weiterentwickeln" ein Hohn - die Kinder müssen weiterhin ein, über die Jahre heruntergewirtschaftetes, ausgehungertes, politisch vernachlässigtes und sozial extrem ungerechtes Schulsystem, das sich überdies regelmäßig schlechte Noten bei Pisa und anderen internationalen Vergleichsstudien abholt, durchlaufen. Die Bilanz dieses nach 1945 prolongierten Nebeneinander sind 20% funktionale AnalphabetInnen, soziale Benachteiligung, Ausgrenzung von Kindern mit Migrationshintergrund und ein die Kinder und Eltern der 3. und 4. Klasse Volksschule belastende und allein zur Begründung der sozialen Selektion aufgebauter Notendruck.
Doch dies ist kein Grund für die ÖVP, Reformen anzudenken. Für einen Großteil der Misere – sowohl der letzten Jahre als auch des letzten Jahrhunderts - trägt diese Partei sowieso die Schuld – „Nullwachstum im Bildungsbereich – dein Name ist Gehrer und somit ÖVP“.

Aber um bildungspolitische Reformen geht es der ÖVP sowieso nicht. Es geht um den Erhalt eines im Kern feudalen, später ständestaatlich perfektionierten Zuweisungssystems in soziale Hierarchien und nicht um mehr und bessere Bildung beziehungsweise um gleiche Chancen für alle Kinder, ungeachtet ihres familiären "Erbes" und ihres sozioökonomischen Hintergrunds, ihrer Klasse.

Bildung ist ein Motor, der gesellschaftliche Verhältnisse in Bewegung bringen kann, deswegen fürchtet die ÖVP wohl, dass all zu viele diesen Motor starten könnten, weil sie sich und die „Ihrigen“ schon in den oberen Etagen wähnt und dort weiterhin alleine verbleiben möchte.

Und so tritt die ÖVP als das auf, was sie schon immer war: Bewahrerin der finanziell potenten, sozial privilegierten und "bildungsnahen" Gruppen – soziale Exklusion der Anderen nicht nur hingenommen, sondern gewollt.

Während Wirtschaft und Industrie keineswegs aus Menschenliebe oder Gerechtigkeitssinn, sondern aus rein pragmatischen Gründen im Wissen um die Ressource Bildung ideologische Bedenken fahren lassen und über Parteigrenzen hinweg für ein neues, sozial gerechteres Schulsystem plädieren, hält der „harte Kern“ rund um Schüssel am ständestaatlichen Prinzip fest.

Die vom BM:UKK angestrebten Modellregionen könnten nach Jahrzehnten des Stillstands ein erster Schritt in Richtung Gesamtschule sein. Diese Gesamtschul-Modellregionen brauchen eine verbindliche Rechtsgrundlage, die sicherstellt, dass kein neuerlicher Etikettenschwindel passiert und wieder einmal ein neuer Hauptschultyp kreiert wird, sondern dass tatsächlich sozial heterogene gemeinsame Schulen und individualisierende Unterrichts- und Lernformen erprobt werden können.

Die von der Bundes-ÖVP und der ÖVP-geführten AHS-Gewerkschaft vorgeschobene ?Grundsatzfrage? der LehrerInnen- und Elternmitbestimmung soll wie bei den gescheiterten IGS-Versuchen der 70er und 80er-Jahre sicherstellen, dass ein Drittel der Eltern und LehrerInnen des AHS-Standortes einer Modellregion den Gesamtschulversuch verhindern können. Das Votum der Eltern und LehrerInnen an den Volks- und Hauptschulen spielt in den Überlegungen von Schüssel, Molterer und Neugebauer keine Rolle ? Vermutlich haben sie keine der AHS vergleichbare Lobby im ÖVP-Parteivorstand.

widasch

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