KPÖ Wien West
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Buchtipp & Rezension: Copyright & Copyriot - Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus

Sabine Nuss: Copyright & Copyriot
Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus
Westfälisches Dampfboot, 2006, 269 Seiten
ISBN 3-89691-647-5

Mit Copyright & Copyriot hat Sabine Nuss einen langen überfälligen Beitrag zur Diskussion um den Begriff des so genannten "geistigen Eigentums" geliefert. Nuss analysiert den Begriff mit marxistischer Schärfe. Aber nicht nur das, in ihrem Buch liefert sie dieses Analysewerkzeug auch gleich mit. Der Mittelteil des Buches beschäftigt sich eingehend mit der Konstruktion des bürgerlichen Eigentumsbegriffes. Wer mit Marx und Foucault vertraut ist, für den wird dieses Kapitel wenig neues bringen, dennoch ist der Teil eine ausgezeichnete Zusammenfassung der historischen Entwicklung des bürgerlichen Eigentumsbegriffes und der gesellschaftlichen Verhältnisse die ihn hervorgebracht haben. Gerade für die jungen AktivistInnen aus dem Bereich Freier Software und den PiratInnen ist dieses Abschnitt des Buches sehr zu empfehlen.

Der erste Teil des Buches gibt einen Überblick über die aktuellen Kämpfe rund um so genanntes "geistiges Eigentum" mit einem Schwerpunkt auf Freier Software und Filesharing. Im letzten Teil des Buches wird dann mit dem im Mittelteil erarbeiteten Grundlagen der Begriff "geistiges Eigentum" analysiert. Sabine Nuss zeigt hier, dass es sehr wohl legitim ist von "geistigen Eigentum" zu sprechen, denn die Mechanismen des Ausschlusses und der exklusiven Verfügung sind ähnlich wie jene die auch für das bürgerlichen Sacheigentum geschaffen wurden. Wer so genanntes "geistiges Eigentum" in Frage stellt muss also auch das bürgerliche Sacheigentum in Frage stellen und darf es nicht als überhistorische und "natürliche" Gegebenheit ansehen.

Das ist auch mein Zugang zu dieser Materie und letztlich auch einer der entscheidenden Gründe warum ich 2001 der KPÖ beigetreten bin. Seither verknüpfe ich mit dem Kämpfen die rund um Filesharing, Softwarepatente, Freie Software, etc.. geführt werden die Hoffnung, dass dies zu einer generellen Politisierung der in diesen Kämpfen involvierten AktivistInnen führen wird. Sabines Buch kann hier, meiner Ansicht nach, einen excelenten Beitrag dazu leisten. Im Gegensatz zu Haug, Negri, Görz, etc.. kennt Nuss die Materie über die sie schreibt aus eigener Erfahrung: Sie weiss wie man/frau ein Linux-Netzwerk administriert.

Leicht getrübt wird das Bild dieses excelenten Buches dadurch, dass Sabine bei dem Versuch aufzuzeigen, wo die AktivistInnen der Freien Software und FilesharerInnen in den Kategorien der kapitalistischen Welt verfhaftet bleiben, durchaus auch etwas über ihr Ziel hinausschiesst. Dass Raymond, Lessig & Co des Neoliberalismus sind ist kein Geheimniss. Dass Stallman kein Marxist ist und er daher seine Ansichten mit bürgerlich moralischen Begriffen ("gut" und "böse") darlegen muss ist auch nichts neues. Aber: Ist nur der/die revolutionär wenn er/sie auch das "richtige Bewusstsein" hat?

Die Beurteilung, ob eine spezifische Parxis subversiven Character hat, hängt [..] nicht nur ab von der Praxis selbst (also ob diese quer zur herrschenden kapitalistischen Funktionslogik liegt), sondern auch von den damit verbundenen Intentionen (ob der Wille vorhanden ist, die herrschenden Verhältnisse zu unterminieren oder wenigstens ein Bewusstseinsprozess in diese Richtung stattfindet)" -- Sabine Nuss, Copyright & Copyriot S.229
Viele gesellschaftliche Veränderungsprozesse laufen ab ohne dass sich die AkteurInnen dessen bewusst sind. Wenn wir in einer Welt leben in der 99% der Menschen keine Ahnung von Marxismus haben können wir nicht warten bis diese dann irgendwann einmal so weit sind. Vielmehr entwicklt sich systemkritisches Denken i.a. erst innerhalb der Kämpfe und Umwälzungsprozesse. Wenn eine Praxis "quer zur herrschenden kapitalistischen Funktionslogik" liegt wird diese früher oder später in Konflikt mit dieser Funktionslogik geraten. Die Kämpfe anhand derer sich wieder Menschen politisieren können sind damit vorprogrammiert.

Dass der Kapitalismus die Fähigkeit besitzt viele der Kämpfe die gegen das System geführt werden zu integrieren ist richtig. Aufzuzeigen wo sich Freie Software und Filesharing in das Sytem einfügen ohne es zu sprengen ist daher wichtig und richtig. Jedoch: Jede Bewegung die eine Chance haben will das System von innen heraus zu ändern muß ein gewisses mass an "Kompatibilität" mit dem System mitbringen. Nur so kann im Schosse der alten Gesellschaft die Neue geboren werden. Zuviel "Kompatibilität" und die Bewegung wird ins System integriert. Zuwenig "Kompatibiltät" und es kommt erst gar keine Bewegung zustande.

Wenn Stallman kein Problem damit hat under welchen (kapitalistischen) Bedungen Freie Software produziert wird und wenn die GPL keine Einschränkung erlaubt für welche Zwecke die Software benutzt werden darf, so ist dies ein, meines Erachtens, gut gewählter Tribut an diese "Kompatibilität" mit dem System. GPL Software wird auch in kapitalistischen Unternehmen weiterentwickelt mit dem Ziel diesen Unternehmen mehr Profit zu bringen. Aber mit jedem Stück an freier Software, egal unter welchen Voraussetzungen es ursprünglich produziert wurde, wird die Softwareproduktion ausserhalb kapitalistischer Logik etwas einfacher.

Insofern lässt sich die Frage ob die EntwicklerInnen Freier Software oder FilesharerInnen ein neues revolutionäres Subjekt sind nicht einfach mit Ja oder, so wie Sabine es tut, mit Nein beantworten. Letztlich sind alle Menschen die in die Kämpfe rund um die Widersprüche des kapitalistischen Systems verstrickt sind potentielle revolutionäre Subjekte. Die Frage ist eher wie es zu bewerkstelligen ist, dass zum Kampf auch das notwendige theoretische Fundament kommt. Gerade eben weil sich, wie Nuss zeigt, geistiges Eigentum nicht wirklich von Sacheigentum unterscheidet liegt es auf der Hand, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass sich vielen SoftwareaktivistInnen und FilesharerInnen früher oder später die notwendige Abstraktionsebene erschliesst auf der sie diese Parallelen erkennen können. Genau hierzu ist das vorliegende Buch ein ausgezeichneter Beitrag und genau darum ist dieses Buch so empfehlenswert.

Meint euer
Franz Schäfer (mond).

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