Alles Gute zum 80er, Genosse Hrdlicka!

Wednesday, 27. February 2008 @ 07:34

Heute feiert Alfred Hrdlicka seinen 80. Geburtstag. Er ist nicht nur ein bedeutender Künstler, sondern auch ein politischer Mensch und Genosse - 1999 war er Spitzenkandidat der KPÖ.
Hrdlicka studierte Malerei und Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. 1964 erlangte er internationale Bekanntheit, als er gemeinsam mit Herbert Boeckl Österreich auf der 32. Biennale in Venedig vertrat. Die Unterdrückung, das künstlerische Nachzeichnen bedrückender Lebensverhältnisse, Macht und Ohnmacht in der Geschichte und in der Jetztzeit sind Themen seiner künstlerischen Arbeiten.. Der Künstler wurde zum überzeugten Marxisten, Sein künstlerischer kategorischer Imperativ war und ist es, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, verlassenes, verächtliches Wesen ist“ (Karl Marx). In seiner künstlerischen Stilistik hält Hrdlicka an der Figürlichkeit fest. Er arbeitet in seinen Skulpturen, Gemälden und Grafiken figurativ-expressiv und verzichtet bewusst auf jegliche Art ungegenständlicher Bildsprache.

Aus dem Anlass seines Geburtstages werden bis Ende des Jahres mehr als 20 Ausstellungen zu dem Künstler gezeigt - etwa eine große Retrospektive der Kunsthalle Würth in Deutschland, die ab 8. August in adaptierter Form im Wiener Künstlerhaus zu sehen sein wird. Ehrungen will Hrdlicka aus Prinzip nicht annehmen. Im Zusammenhang mit Alferd Hrdlickas 80. Geburtstag und dessen offizieller Würdigung, ist es recht interessant, sich an die Umstände rund um das von ihm geschaffene Denkmal am Albertinaplatz zurück zu erinnern. Dieses Denkmal wurde am 24. November 1988 feierlich enthüllt. Schon 1983 hatte der Wiener Gemeinderat mit den Stimmen aller Parteien beschlossen, Alfred Hrdlicka mit der Errichtung eines Denkmals gegen Krieg und Faschismus zu beauftragen. In der Folge gab es heftige politische Auseinandersetzungen.

Die einzelnen Elemente des Kunstwerkes sind: das „Tor der Gewalt“ (die „Hinterlandsfront“, der „Heldentod“ — aufgestellt 1991), der „Straßen waschende Jude“, „Orpheus betritt den Hades“ und der „Stein der Republik“ mit dem Text der Unabhängigkeitserklärung.

Der Künstler meinte über sein Werk: „Orpheus betritt den Hades‘ bezieht sich auf die Bombenopfer in den Kellern des Philipphofs. Wer dort Zuflucht suchte, hat die Hölle betreten. Zum anderen ist Orpheus ein Gruß an Oper, Albertina und Theatermuseum, Stätten der Musen — feierlich gesagt. Was den Straßen waschenden Juden betrifft: Jeder kann sagen, was in Auschwitz passiert ist, das weiß ich nicht, aber was in Wien passiert ist, das haben die Wiener wissen müssen, das hat jedes Kind sehen können. Beim Tor der Gewalt‘ geht es um Hinterlandskrieg und Front. Und zum Abschluss eine äußerst optimistische Sache: die Unabhängigkeitserklärung Österreichs, eingemeißelt in einen großen Granit.“

Vor dem 2. Weltkrieg befand sich hier ein Gründerzeithaus namens Philipphof. Am 12. März 1945 kam es zum schwersten Luftangriff auf Wien während des Zweiten Weltkrieges, wobei nahezu ausschließlich das historische Stadtzentrum bombardiert wurde. Hierbei wurde das Areal um den Albertinaplatz nahezu komplett zerstört. Der Philipphof und sein Luftschutzkeller stürzten in sich zusammen und begruben knapp 300 Menschen unter sich. Die genaue Opferzahl ist unbekannt, da nur wenige Leichen geborgen werden konnte. Auch die Nachbargebäude (Albertina, Staatsoper) wurden schwer getroffen und brannten aus.)

1988 hätte in Österreich eigentlich das Jahr des Gedenkens an die nationalsozialistischen Verbrechen werden sollen - 50 Jahre nach dem !Anschluss" Österreichs glaubte man die Zeit reif dafür. Denn 1938 war Österreich vom Deutschen Reich besetzt worden, was den Mythos der Opferrolle Österreichs, begründet hatte - ungeachtet der Tatsache, dass Zehntausende den Nationalsozialisten zugejubelt hatten und Österreich einen überdimensional hohen Anteil an organisierten NationalsozialistInnen aufwies.

Im Gedenkjahr 1988 flammte in der Folge jedoch die Täter- Opfer-Debatte im Zusammenhang mit der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten wieder auf.

In dieser gereizten Atmosphäre fanden zwei öffentliche Diskussionen statt, beide Male über kulturelle Themen. Sie zogen große mediale Aufmerksamkeit auf sich und wurden mit einer ungewohnten Heftigkeit geführt.

Es handelte sich dabei um die öffentlichen Debatten über Alfred Hrdlickas geplantes Mahnmal für den Albertinaplatz einerseits und andererseits um Thomas Bernhards vor der Premiere stehendes Theaterstück "Heldenplatz". Diese beiden Diskussionen zeigen nicht nur das angespannte gesellschaftliche Klima, sondern auch die in Österreich bestehenden Schwierigkeiten, mit dem Thema "NS-Vergangenheit" unvoreingenommen umzugehen. Der Streit um das Denkmal dominierte die Medienberichterstattung: In den Monaten Juni bis Anfang August, am Höhepunkt der Diskussion also, meldeten sich in den wichtigsten Zeitungen zu diesem Thema insgesamt 49 verschiedene Politiker zweiundneunzigmal öffentlich zu Wort!

Einige Facetten der Auseinandersetzung: SPÖ und Grüne blieben bei ihrem ursprünglichen Beschluss, das Denkmal auf dem Albertinaplatz errichten zu lassen. Die ÖVP und die FPÖ hingegen wollten davon nichts mehr wissen und verlangten, dass das Denkmal an einem anderen Platz (zB dem Morzinplatz) aufgestellt werden sollte.Jörg Haider, Obmann der FPÖ, sprach dem Kommunisten Hrdlicka das moralische Recht ab, ein Mahnmal für die Opfer des Holocaust zu schaffen.
Die emotional geführte Debatte um den Aufstellungsort konnte dennoch nicht von der Tatsache ablenken, dass viele Zeitgenossen das Denkmal deshalb ablehnten, weil es sie an die eigene Rolle während der NS-Zeit erinnerte und den schönen Österreich-Opfer-Mythos beschädigte.Gerade in Österreich profitierten viele Menschen direkt oder indirekt vom Holocaust. Viele Nachkommen der Arisierungsprofiteure wohnen bis heute in "arisierten" Wohnungen oder betreiben Firmen, deren Besitzer ermordet wurden. Was mit den Kunstgegenständen der Opfer der Shoah passiert ist, wird erst jetzt zögerlich erforscht.

Die Politiker der ÖVP und FPÖ blieben der Einweihung des Denkmals (am 24.11.1988) jedenfalls aus Protest fern.

Heute ist dieser Medienrummel längst verstummt - einsam nur geifern die Kronenzeitung und das ORF-Forum anlässlich des 80. Geburtstags gegen Hrdlicka und das von ihm geschaffene Denkmal. Einmal im Jahr wird es allerdings hier laut (und bald ist es wieder so weit!): Das Denkmal gegen Krieg und Faschismus ist der Treffpunkt der Wiener Linken zur traditionellen Demonstration am 1. Mai.

Dagmar Schulz

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