KPÖ Wien West
Die KPÖ im Westen Wiens

WiderstandskämpferInnen: Verfolgt - vereinnahmt – verdrängt – vergessen ?

"DEKLARATION ÜBER ÖSTERREICH

Vom 19. bis zum 30. Oktober (1943) tagte in Moskau eine Konferenz der Au0enminister G. Hull - Vereinigte Staaten von Amerika, A. Eden - Großbritannien und W. M. Molotow - Sowjetunion. In völliger Einmütigkeit wurden die Maßnahmen besprochen, die ergriffen werden sollen, um den Krieg gegen Deutschland und seine Trabanten abzukürzen. [...]

Die Regierungen Großbritanniens, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika kamen darin überein, dass Österreich, das erste Land, das der Hitlerschen Aggression zum Opfer gefallen ist, von der deutschen Herrschaft befreit werden muss.[....]
Österreich wird jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Beteiligung am Kriege auf Seiten Hitlerdeutschlands die Verantwortung trägt, der es nicht entgehen kann, und dass bei der endgültigen Regelung unvermeidlich sein eigener Beitrag zu seiner Befreiung berücksichtigt werden wird."

Dieses als " Moskauer Deklaration" bekannte Schriftstück wurde entsprechend der politischen Position und Lage vielfach unterschiedlich interpretiert. Das offizielle Österreich berief sich immer wieder auf seine Opferrolle, während von den Aliierten während der Besatzungszeit auf Grund des letzten Absatzes der Beweis für die Existenz eines österreichischen Widerstandes eingefordert wurde. Ernst Hanisch meint dazu : " Aber insgesamt drückt die Deklaration den Doppelcharakter des Landes nach 1945 ganz gut aus : befreites und besetztes Land zu sein."

Um den Widerstand in Österreich zu dokumentieren, ging am 14. Mai 1946 ein Runderlass an die verschiedenen Polizeidirektionen, Material für ein präsumptives "Rot - Buch" zu beschaffen, in dem einerseits die "nationalsozialistische Aggression" gegen Österreich, die wirtschaftlichen Repressialien, die praktische Durchführung der "nationalsozialistischen Okkupation und Gleichschaltung", die Lage "Österreichs im Kriege", "Gestapo und politischer Terror über Österreich von 1938 bis 1945" - und schließlich " Material über Zahl der Widerstandsbewegung, sowie über besonders wichtige Einzelaktionen, Zusammenarbeit der einzelnen Widerstandsgruppen, polizeiliche Gegenaktionen, österreichische Freiwillige in den Aliierten Armeen" eingefordert wurde.
Selbstverständlich entsprachen die Dienststellen diesem Erlass und berichteten ebenso gewissenhaft über Widerstandsgruppen wie sie Hingerichtete namentlich auflisteten. Allerdings konnten viele Posten auch nur berichten, dass über diese Causa "nichts von Belang" zu melden sei. ( z.B. Gendarmerieposten Tamsweg )
Das "Rot- Buch" , das den gesamtösterreichischen Widerstand hätte dokumentieren sollen, wurde in der vorgesehenen Form niemals publiziert. Statt dessen erschien der 1. Band eines „Rot– Weiß– Rot– Buches“, das willkürlich Statistiken und namentlich nicht gekennzeichnete Artikel aneinander reiht. Weitere Bände folgten nicht.

70 Jahre nach der Annexion Österreichs wird man /frau sich wohl fragen dürfen oder müssen : Was heißt Widerstand ? Von wem , gegen wen und wofür wurde er geleistet ? Die Frage, wer in Österreich als WiderstandskämpferIn gilt, ist juristisch im Opferfürsorgegesetz 1947 festgelegt : " Opfer des Kampfes für ein freies, demokratisches Österreich, die um ein unabhängiges, demokratisches Österreich[...]insbesondere gegen Ideen und Ziele des Nationalsozialismus, mit der Waffe in er Hand gekämpft oder sich rückhaltslos in Wort und Tat dafür eingestzt haben"

Ob diesen im Nachhinein aufgestellten Kriterien die WiderstandskämpferInnen überhaupt entsprechen ?

Viele von ihnen kämpften für eine andere Gesellschaftsordnung, sei es nun für eine Revolution, einen Ständestaat, die Wiedereinführung der Monarchie, für ihre religiöse oder aus persönlicher (humanistischer oder widerständiger) Überzeugung. Frauen und Männer widersetzten sich den nicht gewählten Herrschaftsstrukturen bereits seit 1933: Die anteilsmäßig weitaus größte Zahl folgte damit dem Beschluss der Partei, der sie sich angeschlossen hatten ( KommunistInnen ), manche leisteten Widerstand, obwohl ihre Partei davon zeitweise abriet (Revolutionäre SozialistInnen ), andere folgten dem Rat ihrer Glaubensgemeinschaft ( ZeugInnen Jehovas ), wieder andere widersetzten sich auch der Amtskirche (KatholikInnen ) schlussendlich gab es für manche keine andere Wahl. (JüdInnen ) Sie druckten Zeitungen, verbreiteten Parolen, schrieben Kettenbriefe an Soldaten, sammelten und spendeten für die Rote Hilfe, hörten und betrieben "Feindsender", versteckten und begünstigten Verfolgte, kämpften im Betrieb und in konspirativen Zellen und verübten Sabotage- und Sprengakte. Sie verstießen damit gegen das "Heimtückegesetz", begingen Wehrkraftzersetzung, Feindpropaganda, Feindbegünstigung, Judenschmuggel, Gerüchtemacherei, Landesverrat, Hochverrat und Sabotage - nach den geltenden Gesetzen des NS - Staates. All dies wurde relativ isoliert und ohne die Unterstützung einer österreichischen Exilregierung und ohne Verbindung mit dem deutschen Widerstand geleistet, nur die KommunistInnen erhielten, soweit es möglich war, Unterstützung aus Moskau. Letzlich zeigten auch Menschen, ohne einer Organisation anzugehören, aus verschiedensten Gründen "abweichendes Verhalten" bis zu offenem Widerstand. So boten etwa gerade religiöse, konservative Bauernfamilien den aus Mauthausen geflüchteten Offizieren der Roten Armee Unterschlupf. Noch andere fanden zuletzt eine Einigung unter pragmatischen Prämissen : Man wollte angesichts der sicheren Niederlage Österreich nicht vollkommen vernichtet sehen. "O 5" ,ein Zusammenschluss verschiedener Gruppen, tagte am 9. April 1945 im Palais Auersperg. Militärs verabredeten mit der Roten Armee eine koordinierte Übergabe Wiens, um ein weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Wolfgang Neugebauer gibt die Zahl der hingerichteten ÖstereicherInnen mit 2700 an, allerdings kommen dazu noch etwa 16.000 ÖsterreicherInnen, die in Gefängnissen, bei der Gestapo und in KZs ums Leben kamen, PartisanInnen, die ihr Leben im Guerillakampf ließen, ÖsterrreicherInnen, die in Solidarität mit dem republikanischen Spanien starben - insgesamt waren etwa 100.000 Personen in den Kampf gegen die NS - Diktatur involviert und standen 700.000 österreichischen NSDAP - Mitgliedern entgegen. Außerdem wurden noch etwa 65.000 ÖsterreicherInnen jüdischen Glaubens Opfer des NS - Rassenwahns.
Allerdings hatte es in allen Gruppen der Bevölkerung auch Bequeme, ÜberläuferInnen und VerräterInnen gegeben. Angeblich füllten die Briefe der DenunziantInnen aus dem Karl -Marx - Hof eine Kiste.
Soll man nun Widerstand nach seiner Effizienz ( der österreichische Widerstand war zu keiner Zeit fähig, das nationalsozialistische Regime von innen zu gefährden ), nach dem Zeitpunkt des Einsetzens ( 1933/ KommunistInnen, 1934/ RS, 1938/ Vaterländische, 1945/ O5 ) oder nach seinen Wurzeln ( politische, soziale, ethnische, humanistische, religiöse ) beurteilen ? Und : D A R F man dies überhaupt ?

Obwohl die WiderstandskämpferInnen sozusagen die Grundlage für die Entstehung der 2. Republik Österreich geliefert hatten ( theoretisch begründet durch den Kommunisten Dr. Alfred Klahr sowie auf konservativer Seite von Ernst Karl Winter, 3. Vizebürgermeister von Wien unter Dollfuß ) hat der " Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Österreich keinen Mythos gezeugt, nicht die Phantasie der Menschen bewegt, kaum Spuren hinterlassen. 'Kzler' galt auch nach 1945 als Schimpfwort...Es konnte sich keine , im Volk verankerte, breite nationale Widerstandsbewegung wie in den meisten anderen Ländern herausbilden....Für die Mehrheit der ÖsterreicherInnen war die NS - Herrschaft nicht nur legale, sondern auch legitime Herrschaft." (Hanisch, S.390.) Der einsetzende Kalte Krieg trug angesichts der Tatsache, dass der überwiegende Teil des Widerstands von KommunistInnen getragen und organisiert worden war, ebenso zur mangelnden Aufarbeitung des österreichischen Widerstands bei wie die Scham der katholischen Amtskirche, die den Spagat zwischen dem "freudigen JA zum Anschluss" Innitzers und dem Tod auf dem Schafott von Sr.Restituta, Roman Scholz (Österreichische Freiheitsbewegung ) und anderen zu bewältigen hatte.
Gerade die mutigsten und fähigsten MitstreiterInnen fehlten in vielen Organisationen , da sie dem Naziterror zum Opfer gefallen waren. Besonders nachteilig erwies sich das für die KPÖ, die einen Großteil ihrer engagiertesten Funktionäre, 11 Mitglieder des ZK und besonders viele KämpferInnen der Jugendorganisationen verloren hatte.
Wohl deshalb blieben die Verdienste der WiderstandskämpferInnen in der Zweiten Republik weitgehend ungewürdigt, der Antikommunismus trat an die Stelle des Antifaschismus. Menschen, die "sozialen Protest" und "abweichendes Verhalten" gezeigt hatten, ( Roma und Sinti, angebliche Asoziale, Deserteure ) rückten erst nach 50 Jahren zögerlich in das Interesse der HistorikerInnen. Die Entnazifizierung wurde rasch und unkompliziert betrieben, während eine politische Aufarbeitung der Repression und des Widerstands im Ständestaat, der das NS -Regime gesellschaftlich vorbereitet hatte, heute noch ausständig ist
. Absichtlich habe ich in diesem Essay übrigens - fast - keine Namen genannt. Wer sollte sie auswählen und entscheiden, wer mutiger, anständiger, ehrlicher war?

Wer war zum Beispiel mutiger als der Gaswerks - Arbeiter Otto Koblicek , der sich einer SS - Einheit im Simmeringer Gaswerk entgegenstellte, um die Zerstörung zu verhindern ? Er bezahlte diese Tat ebenso mit seinem Leben wie die Arbeiterin Grete Jost, der Lehrer Dr. Otto Haas, die Intellektuelle Dr. Käthe Leichter, der Pater Franz Reinisch, der slowenische Partisan Valentin Svarc, die Bäuerinnen Klarca und Jerca Boltezar - und viele andere Frauen und Männer, die der Öffentlichkeit nicht bekannt sind.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass der Grad der Wertschätzung, der Menschen, die gegen herrschende Systeme opponiert haben, entgegengebracht wird, zugleich auch ein Indikator der Balance zwischen Obrigkeitsdenken und geistiger Liberalität einer Gesellschaft ist. Vielleicht sollten wir Geschichte weniger aus der Sicht der Obrigkeitsverhältnisse beurteilen als aus der Sicht jener, die diese erlitten und gestaltet, verändert und bekämpft haben und vielleicht ist genau dieser Perspektivenwechsel das Problem in der historischen Auseinandersetzung mit dem österreichischen Widerstand.

Überarbeitete Fassung eines Essays von Dagmar Schulz, erschienen in:"Zwischen Befreiung und Staatsvertrag", Wien, 2005.

Literatur: ( Auszug )

Autorenkollektiv der historischen Kommission : Geschichte der KPÖ 1918 - 1955, Globus Verlag, Wien 1977.

Brauneis , Inge : Widerstand von Frauen in Österreich gegen den Nationalsozialismus, Dissertation, Wien 1963.

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes : "Widerstand und Verfolgung in Wien, 1934 - 1945", 3 Bände, ÖBV, Wien 1983.

Erzählte Geschichte; Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten, ÖBV, Wien.

Grab, Walter; Neugebauer, Dr. Wolfgang : Österreichische Freiheits- und Widerstandskämpfer, Wiener Vorlesungen, Picus , Wien 1994.

Hanisch, Ernst : "Österreichische Geschichte 1890 - 1990: Der Lange Schatten des Staates -Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert", Ueberreuter Verlag, Wien 1994.

Malina, Peter; Spann Gustav : 1938 - 1988.Vom Umgang mit unserer Vergangenheit, Broschüre für Schulen, Wien, 1988.

Mikrut, Jan : Österreichs Kirche und Widerstand 1939 - 1945, Dom Verlag, Wien, 2000.

Prusnik- Gasper, Karel: Gemsen auf der Lawine. Der Kärntner Partisanenkampf. Drava, Klagenfurt/Celovec, 1981.

Rathauskorrespondenz, Kalendarium "Wien 1945" , Nummer 8, hrsg. PID der Stadt Wien, März 1995.

Steiner, Herbert : Gestorben für Österreich, Widerstand gegen Hitler, Löcker, Wien 1995.

Wisshaupt, Walter : Wir kommen wieder ! Eine Geschichte der Revolutionären Sozialisten, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien, 1967.

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