KPÖ Wien West
Die KPÖ im Westen Wiens

12. Februar 1934 - Euer Mut ist uns Verpflichtung!

O du mein Österreich –!

Wie mußt du es machen?
So mußt du es machen:

Jahrelang die Bauern aufhetzen,
jahrelang auf Straßen und Plätzen
Wien verfluchen – »Die rote Gefahr!«
und kein Wort davon, wer es eigentlich war,
der Österreich in den Kriegstaumel riß ...
kein Wort von den Göttern der Finsternis ...
Teuerung ... Kirchenglocken ... Tumult ...
»Wien! das marxistische Wien ist schuld!«
Wie mußt du es machen?
So mußt du es machen:

Den Proleten langsam den Weg verrammeln,
alle die Jahre Waffen ansammeln;
Heimwehr? An Schloßkaminen geboren;
Kulaken, die ihren Krieg verloren ...
von deutschen Faschisten unterstützt,
von Pfaffen getrieben und ausgenützt ...
Gegen den Wiener Wasserkopf
erhebt sich ein Tiroler Kropf.
Aus dunkeln Quellen fließt Geld – das wirds schaffen ...
Übungen ... Märsche ... und Waffen und Waffen ...

Wie mußt du das machen?
So mußt du das machen.

Die Verfassung auf den Müll!
Marsch auf Wien! Auf sie mit Gebrüll!
Heimwehrdrohungen ohne Zahl –
aber immer legal, immer legal.
Schlagt die Juden tot! Österreich ist arisch!
aber immer gesetzlich-parlamentarisch.
Vorn ernste Verhandlungen mit Seipel a. D. –
und im Hintergrund eine weiße Armee.
So kann man dem Arbeiter alles rauben.

Das sollten sich mal die Roten erlauben!
Drohung? Mit Waffen? Ein Heimarbeitsbund?
Europa brüllte den Hals sich wund.
Revolutionen erleben wir rings
von rechts – mit dem Vokabular von links.
Und so sind die faschistisch verkleideten Massen
Nachtportiers der besitzenden Klassen.
Arm soll verrecken – aber reich bleibt reich.
O du mein ...
o du mein Österreich –!


In diesem Gedicht beschreibt Kurt Tucholsky die Stimmung in den Jahren der sogenannten Zwischenkriegszeit sehr eindrucksvoll. Nach dem Kriegsende hatte sich die besitzende Klasse dem Druck der Massen beugen müssen und daher Zugeständnisse gemacht wie etwa das Frauenwahlrecht, die Einführung der Arbeiterkammer und der Sozialversicherung, die Bildung von Betriebsräten sowie die Durchsetzung des 8-Stunden-Tages und die Abschaffung des Adels.

Doch schon bald war in der bürgerlichen Presse von „revolutionärem Schutt“ zu lesen, „revolutionären Schutt“ nannte sie all die Maßnahmen und Gesetze, die den Arbeitern und Arbeiterinnen erstmals ermöglichten, ein menschenwürdiges Leben zu führen: den durch die Wohnbau- und Luxussteuern finanzierten Sozialen Wohnbau, das Windelpaket, Bildungseinrichtungen, Gesundheitsvorsorge, Kinderfreibäder, Bibliotheken – viele dieser Errungenschaften sind teilweise heute noch in Wien präsent und prägen diese Stadt auch nach mehr als 80 Jahren.

Zu wenig beachtet wurde in den Jahren der Euphorie und des Aufbruchs, dass sich die herrschende Klasse nicht von der Macht verabschiedet hatte – ganz im Gegenteil: Unterstützt vom Kapital, aber auch später mit finanzieller Hilfe aus dem faschistischen Ausland wurde die Heimwehr aufgebaut und bewaffnet. Viele ihrer führenden Protagonisten stammten aus der Aristokratie, ebenso blieben die Führungspositionen im Militär, in der Polizei, dem höheren Beamtentum und an den Gerichten in der Hand der alten Eliten.

Dies sollte sich spätestens 1927 rächen, als im sogenannten „Schattendorfer Prozess“ die Arbeitermörder vom bürgerlichen Geschworenengericht freigesprochen wurden. Die Empörung war groß – aus den Außenbezirken strömten die Arbeiter und Arbeiterinnen in Richtung Justizpalast. Das Ergebnis ist bekannt: Bundeskanzler Seipel, der „Prälat ohne Gnade“ ließ in die Menge feuern. (mindestens 89 Tote)

Während die führenden Funktionäre der Sozialdemokratie versuchten, die Arbeiter und Arbeiterinnen zu beruhigen,-. rüstete die andere Seite mächtig auf. Zunächst wurde das „Rote Wien“ finanziell ausgehungert, dann ging man daran, Schritt für Schritt die gegebenen Zugeständnisse zurück zu nehmen, alles unter der Aufsicht der bewaffneten Heimwehr. 1930 bekannte sie sich im Korneuburger Eid zu antidemokratischen Zielen, die bereits auf den Austrofaschismus verweisen.

1931 putschte die Heimwehr unter Pfrimer, obwohl der Putsch misslang, fanden die Anführer milde Richter.

Schritt für Schritt wurde die Sozialdemokratie zurückgedrängt, die Führung konnte sich nicht zum offenen Kampf entschließen, obwohl sich Otto Bauer der Gefahr sehr wohl bewusst war. Die Machtverhältnisse verschoben sich vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise weiter zu Gunsten der Rechten. So mußte Otto Bauer am Parteitag 1929 trotz des Zuwachses an Mitgliedern und Stimmen feststellen: "Aber in demselben Maße, in dem unsere geistige Macht innerhalb des deutschösterreichischen Volkes gewachsen ist, in demselben Maße haben sich die physischen Gewaltverhältnisse zugunsten unserer Gegner verschoben "

Im März 1933 schaltete Dollfuß das Parlament aus Die Stunde X war eingetreten, für die die Sozialdemokratie die Entscheidungsschlacht angekündigt hatte. Die Arbeiterinnenklasse in ganz Österreich war aktionsbereit und wartete auf Anweisungen. Aber umsonst, die Partei war auch jetzt nicht bereit, den Kampf aufzunehmen.

Dollfuß setzte ungehindert die Angriffe auf die Arbeiterinnenklasse Schritt für Schritt fort: Lohnkürzungen, Sozialabbau, Einschränkung des Streikrechtes,... Die Sozialdemokratie vertröstete die Basis wie eh und je auf den späteren Kampf.

Die Lebensbedingungen der Arbeiterinnenklasse verschlechterten sich zusehends, auch der politische Spielraum wurde immer weiter eingeschränkt. Dem Verbot der KPÖ folgte die Pressezensur, das Verbot von sozialdemokratischen Unterorganisationen, das Verbot des Schutzbundes und Waffenbeschlagnahmungen. Und eine solche war schließlich auch der Grund, dass sich am 12. Februar 1934 Teile der österreichischen ArbeiterInnenbewegung und des Republikanischen Schutzbundes gegen das austrofaschistische Regime erhoben. Dieser Kampf wurde gegen den erklärten Willen der sozialdemokratischen Führung begonnen und geführt, zu einem Zeitpunkt, wo das ständige Zurückweichen, bzw. die Verhinderung der Kämpfe durch die Politik der Sozialdemokratie, bereits zu einer Schwächung und Demoralisierung der Arbeiterinnen geführt hatten, wo viele Schutzbundführer bereits verhaftet waren und die versteckten Waffen nicht bereit gestellt werden konnten.

Der zum Gelingen unbedingt notwendige Generalstreik blieb ohne Leitung und Führung und brach bald zusammen. Ein Großteil der ArbeiterInnenschaft, durch die zahlreichen vorhergegangenen Angriffe und Niederlagen geschwächt und demoralisiert, verhielt sich weitestgehend, passiv. Auch die bereits in der Illegalität operierende KPÖ war zu schwach, um der Entwicklung eine entscheidende andere Richtung geben zu können. Aber sie bemühte sich nach Kräften, den Abwehrkampf zu unterstützen und war daher nach dem Bürgerkrieg für viele von der Sozialdemokratie Enttäuschte eine Alternative, um den Kampf weiter zu führen. Die Partei erlebte einen Massenzustrom und es waren diese Parteimitglieder, die den Kampf gegen den grünen Faschismus, gegen den Franco-Faschismus und schließlich auch gegen den braunen Faschismus aufgenommen haben. Viele von ihnen haben ihren Widerstand mit ihrem Leben bezahlt.

Anders als beim Pfrimer Putsch kannte die Nomenklatura des Ständestaats bei den Schutzbundführern keine Gnade: 9 prominente Schutzbündler wurden standrechtlich hingerichtet, darunter karl Münichreiter, Georg Weissel und der Nationalratabgeordnete Koloman Wallisch.

Damit hatte sich der Ständestaat als faschistische Diktatur etabliert und konnte als Wegbereiter für die spätere Nazi-Diktatur autoritäre Strukturen schaffen. Die ArbeiterInnenbewegung hatte den entscheidenden Kampf verloren, ihr Mut zum Widerstand sollte aber in ganz Europa zum Symbol werden, der uns heute noch Verpflichtung ist.

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