Vor 10 Jahren:Widerstand im Schnitzelland

Thursday, 4. February 2010 @ 11:22

Im Februar 2000 löste die Angelobung der FPÖ/ÖVP-Koalitionsregierung in Österreich Massendemonstrationen aus, die sich zum Meilenstein in der nationalen Demonstrationskultur entwickelten. Mehr als zwei Jahre lang wanderten die sogenannten „Donnerstagsdemos“ durch Wien. Österreich, als kompromissbereites, streik- bzw. demonstrationsträges Land bekannt, überraschte durch die Vehemenz der Protestbewegung.

An dieser Protestbewegung habe ich aktiv von Anfang an teil genommen - bin auf vielen Donnerstagsdemos "mitgewandert" und in der Folge schließlich auch der KPÖ beigetreten.
Lesen Sie ein paar - sehr persönliche - Erinnerungen: Am Freitag, den 4. Februar 2000 gab es die Semesterzeugnisse - also lag eine Woche Ferien vor mir. Ich ging nach der Zeugnisverteilung ins Gasthaus Plank in der Stolzenthalergasse zum Mittag essen. (Dieses Gasthaus gibt es leider nicht mehr, die Wirtin ging in Pension, der Sohn hat aufgegeben, als Erstes riss man die schöne alte Schank heraus...Die nachgefolgte Pizzeria ist schon lange geschlossen.)
Ankommende Gäste berichteten von "Krawallen" bei der Hofburg. Da ich schon am Vorabend bei der Veranstaltung bei der besetzten ÖVP-Zentrale gewesen war, konnte ich mir denken, was passiert war. Mit dem J-Wagen (gibt´s ebenfalls nicht mehr) begab ich mich umgehend vor Ort und traf die Reste einer Frauendemo (gegen die Abschaffung des Frauenministeriums) an. Doch von allen Seiten strömten Leute herbei - und sofort ergaben sich heiße Diskussionen. Ich stand vorne am Tretgitter und sah den damaligen ÖVP-Vizebürgermeister Görg (der als Gegner von Blau galt) bei seinem Versuch zu kalmieren.Immer mehr Polzei wurde zusammen gezogen, aber auch die DemonstrantInnen erhielten Zulauf, ausländische TV-Stationen mit Kameraleuten und Reporten interviewten uns - ich gab ein Interview auf Englisch.Die paar ebenfalls herangeeilten Autonomen wiederholten auf Wunsch der Presse die Entzündung ihres kleinen Feuerchen mehrmals.
Unvergesslich auch jener Anzugträger, der mit stoischer Ruhe seinem Köfferchen ein Ei (!) entnahm, dieses Richtung Bundeskanzleramt schleuderte, das Lederköfferchen wieder schloss und sich zielstrebig entfernte.
Ich telefonierte mit meinem Mann, der in der Staatsoper Dienst versah. (Ich hatte mir gerade mein erstes Handy gekauft.) Mein Mann Thomas berichtete, dass rund um die Staatsoper Gruppen im Anmarsch seien und dass das Protestgeheul im ganzen ersten Bezirk erschalle. Wir verabredeten uns nach seinem Dienstschluss.
Inzwischen ließ ich mich vom Demonstrationszug, der in Bewegung geriet, mitziehen - und siehe da, es ging zum und dann ins Innenministerium, welches von den DemonstrantInnen kurzzeitig besetzt wurde.Die diensthabenden BeamtInnen empfingen uns eher wohlwollend, die Polizei war offensichtlich ratlos - und da landeten schon einige Papierstapel auf der Straße....Schließlich ging ich zur Staatsoper, um meinen Mann abzuholen - es waren viele Leute auf der Straße, einige hatten schon Transparente dabei, andere verschiedene Instrumente, um Lärm zu erzeugen. Ganz selbstverständlich schlossen sich viele - und auch wir der Spontandemo an und zogen durch den ersten und neunten Bezirk. Ob auch schon an diesem Tag "Widerstand!" skandiert wurde? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ziemlich genau weiß ich aber noch, dass wir erst spät, müde und durchfroren in unsere Wohnung im 8. Bezirk (dort wohnen wir auch nicht mehr) zurück kehrten.Die ganze Zeit hatte ich meine Schultasche mitgeschleppt.

In der folgenden Woche (Ferienwoche!) demonstrierten wir täglich - Wien war in Bewegung.(Wir ernährten uns von in der Wohnung vorhandenen Resten und insgesamt habe ich ein Paar Schuhe auf den Demos "durchgelatscht".)

Schließlich pendelte sich der Donnerstag als Demotag ein und diesen haben wir lange, lange durchgehalten (obwohl der ORF an diesem Tag - was für ein Zufall? - das einzige halbwegs brauchbare Programm sendete, obwohl es oft regnete und schneite, und so weiter...)Schließlich bildete sich im Bekanntenkreis eine ganze Gruppe, die zu den Demos ging und bei Nichtteilnahme hatte man Erklärungsbedarf. Wir bastelten Demokleidung und Transparente, wir hatten in jeder Tasche ein Pfeiferl und auf jeder Jacke einen Button....wir latschten durch alle möglichen Bezirke - ich lernte viele Straßen und Plätze in Wien kennen - einer der Höhepunkte war wohl der Marsch auf den Küniglberg - 12 km! Alle Parteien wurden besucht - in der damaligen KP-Zentrale in der Weyringergasse (auch die gibts nicht mehr) gab es eine Torte und Getränke für die DemonstrantInnen, bei der ÖVP Robocops und Wasserwerfer...... Nach einem Jahr gingen wir noch immer - bei dichtem Schneefall hörten wir uns das Konzert von Drahdiwaberl an und die roten Fahnen wehten im Wind.

Sehr sehr oft war auch unsere mittlerweile verstorbene Freundin Hanni (Pils) mit von der Partie, viele Bekanntschaften wurden geschlossen, der Entschluss, sich der KPÖ anzuschließen war eine Folge von persönlichen Gesprächen mit Parteimitgliedern.
Die ehemalige AK-Rätin Beatrix Todter erinnerte die anwesenden Genossinnen - nicht ganz Ernst gemeint - des öfteren, vor der Demo Lippenstift aufzulegen, damit wir auf den Aufnahmen der fleißig dokumentierenden Stapo besser aussehen würden...
Die Botschaft der besorgten BürgerInnen war ein beliebter Treffpunkt und wöchentlich gab es neue - oft sehr kreative - Formen und Formulierungen - des Widerstandes.

Mit der Zeit verlor die Bewegung natürlich an Schwung, viele blieben immer öfter weg (die Schweinepresse hatte die ganze Zeit gegen die "linken ChaotInnen" gewettert! Bei einem Besuch bei unserem Weinbauern in NÖ - ich trug damals immer den Anti Schwarz Blau Button - sagte dieser verwundert:"Ich wusste nicht, dass bei den Demos auch ganz normale Leute mit einer Arbeit mit machen...!"), dennoch gelang es schließlich, an einem Donnerstag auch auf das Ende von Schwarz-Blau anzustoßen.
Während wir wanderten, wurden unzählige Posten von BlauSchwarz umgefärbt,wurde Eigentum des Staates verschleudert, wurden wichtige Dienste privatisiert,wurde Einfluss auf die öffentliche Meinung genommen, beim ORF interveniert, Subventionen gekürzt, Gesetze verschärft und einige der ProtagonistInnen schrammten haarscharf an der Legalität entlang, andere verschoben schamlos in die eigene Tasche....und heute, 10 Jahre später, unter einer "guten" großen Koalition, denkt keine/r daran, diese Entwicklungen zu korrigieren oder rückgängig zu machen - und die Strafverfolgung in den letzten Fällen läuft nur schleppend an. Und wenn mich nicht alles täuscht, so schielt Pröll jr. bereits wieder in Richtung der Schmuddelbuben....

Dies ist zum Teil auch unsere Schuld, weil es offensichtlich nicht gelungen ist, das Protestpotential jener Tage zu einer politischen Kraft zu bündeln. Links ist viel Platz - doch dazu sind Anstrengungen nötig und es nützt nichts, sich lediglich daran zu erinnern, wie schön es war, als man/frau das Gefühl hatte, Teil einer großen Protestbewegung zu sein und als es aussah, es würde sich DOCH was bewegen im Schnitzelland.

widasch

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